Sonntag, 21. Juni 2015

Kranke Kinder und schnelles Denken in der Homöopathie

Die letzten Tage waren meine Kinder krank und ich habe dabei den "Homöopathie wirkt Effekt" beobachten können: Bei meinem Sohn fiel innerhalb von einer Stunde das Fieber von knapp 40 Grad auf 38 Grad, er spielte dann vergnügt vor sich hin und lag nicht mehr schlapp und schwitzend auf dem Sofa. Ich weiß genau, dass das die Momente waren, in denen ich früher (in meiner Zeit als Homöopathin) gesagt hätte: Na bitte, wenn DAS kein Beweis ist, dass die Globuli wirken!
Das Problem ist: ich habe diesmal keine Globuli gegeben. Ich gebe meinen Kindern keine Globuli mehr - und "trotzdem" treten Veränderungen ihres Zustands auf. Ich bin sicher, dass ich hier früher einen Zusammenhang hergestellt hätte. Globuli gegeben - Kind besser. Oder Globuli gegeben - Kind anders/schlechter, denn auch eine Veränderung hin zum Schlechteren wird von den Homöopathen ja als eine "Reaktion" auf das gegebene Mittel interpretiert (die sogenannte Erstverschlechterung).

Jetzt sehe ich: keine Globuli gegeben - Kind besser.

Hier tritt ein Phänomen auf, das Kahneman (nicht Hahnemann!) in seinem Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" (1) nennt. Schnell, intuitiv und automatisch gedacht stellen wir nur allzu leicht einen Zusammenhang her zwischen einer Globuli-Gabe und einer Beobachtung im Anschluss. Das ist schon ok, solange wir es nicht mit einem "es wirkt" im medizinischen Sinne verwechseln. Denn es können bei einem so schnell vermuteten Zusammenhang viele, viele Faktoren einen Einfluss haben, denen wir nicht gerecht werden, wenn wir nur die Globuli-Gabe als mögliche Ursache betrachten. Und wir sehen ja auch, dass es auch ohne diese zu Veränderungen kommen kann.

Deshalb ist es in der Medizin und in der Wissenschaft so nötig und leider auch so aufwendig, nicht auf die genannte schnelle Art des Denkens hereinzufallen. Es ist vermehr nötig den langsamen, mühsamen, konzentrierten und komplexen Weg des langsamen Denkens zu gehen. Statt schnell und mit Inbrunst auf die segensreichen Globuli zu schwören, wäre es nötig, sich damit auseinander zu setzen, was sonst noch für eine Veränderung in Frage käme: Ist es vielleicht nur der natürliche Verlauf einer Krankheit, ist es nicht typisch, dass gerade kleine Kinder extreme Schwankungen in ihrem Temperaturverlauf bei Fieber haben, hatte er gerade geschlafen und sich etwas erholt, hat er ein Fieberzäpfchen bekommen, wurde es erst besser, abends aber wieder schlechter, war der Zenit der Krankheit vielleicht einfach überschritten, war es nur ein vorübergehendes, selbstlimitierendes Hoch, oder welche anderen Einflüsse kann es gegeben haben? Und: wäre es im Fall einer vorausgegangenen Globuli-Gabe so, dass die vermeintlich beobachtete Verbesserung auch ohne die Gabe aufgetreten wäre?

Dies führt zu einem wichtigen Begriff innerhalb der modernen Medizin: Kausalität. Kausalität bedeutet, dass ein GESICHERTER Zusammenhang zwischen A und B besteht. Also z.B. zwischen Medikamenten-Gabe (A) und einer Veränderung (B). Dafür ist es ganz entscheidend zu überprüfen, ob eine Veränderung B auch wirklich nicht stattfindet, wenn A nicht gegeben wurde. Erst dann kann man überhaupt von einem Zusammenhang sprechen und erst dann darf man von einem Medikament sagen "es wirkt" (dies muss dann auch - verkürzt gesagt - mehrfach kompliziert überprüft werden, dazu werde ich in weiteren Blogs etwas schreiben).

Ich habe am gestrigen Verlauf wieder einmal gemerkt, worüber ich sonst so oft hinweggesehen habe: Veränderungen treten auf im Krankheitsverlauf, gerade bei Kindern. Aber das bedeutet an sich gar nichts. Sie sind natürlich und normal nicht ein "Beweis" für irgendetwas. Schon gar nicht für Globuli, die bei Kindern ja so gut wirken sollen. Und es ist innerhalb der Medizin zwingend nötig, nicht so schnellen Analogieschlüssen aufzusitzen. Deshalb gibt es die komplexe Forschung und das langsame Herangehen der Wissenschaft, um solche Denkfehler und "gefühlten Wahrheiten" weitestgehend auszuschließen. Ich habe lange gebraucht um das zu verstehen, aber der gestrige Tag war wieder mal ein guter Hinweis darauf, wie falsch ich lange Zeit lag.



Zum Weiterlesen:
(1) Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken, Pantheon Verlag 2011
(2) offiziell heißt dieser Denkfehler Bestätigungsfehler oder confirmation bias. Hier gibts mehr dazu.

Kommentare:

  1. Gegen das Fieber Ihrer Kinder gibt es ein gutes Rezept: Belgische Fritten!

    Neulich hatte ich eine Infektion, bei der ich fast eine Woche Fieber hatte. Dann hat mir am Abend meine Freundin belgische Fritten bereitet und was soll ich sagen - am nächsten Morgen war das Fieber weg.

    Jetzt sagen viele, das sie Humbug. Das ist mir egal, mir hat es ja geholfen. Das ist doch der Beweis, dass es wirkt!

    Zum Glück habe ich eine der Fritten aufbewahrt und werde sie jetzt mit großen Beuteln deutscher Gefrierpommes verschütteln. Darf ich Ihnen eine Packung D30 zusenden? 50 g nur 28,99 EUR!

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    1. Danke für das Angebot. Das mit der Fritten-Therapie bei Fünfmonatigen ist bisschen schwierig. Ich werde aber zwischenzeitlich an mir und an den größeren Kindern eine umfassende Arzneimittel-Prüfung durchführen (vorzugsweise im Freibad, also wegen der Verdünnung durch Wasser). Können wir erstmal so verbleiben?

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