Montag, 29. Juni 2015

Was ist ein Placebo-Effekt?

"Homöopathie wirkt nur als ein Placebo". In meiner Zeit als Homöopathin hätte ich dies vehement bestritten. Doch was bedeutet eigentlich "Placebo"?
Wörtlich bedeutet es: "Ich werde gefallen". Definitonsgemäß bedeutet es: "Placeboeffekte sind positive Veränderungen des subjektiven Befindens und von objektiv messbaren körperlichen Funktionen, die der symbolischen Bedeutung einer Behandlung zugeschrieben werden. Sie können bei jeder Art von Behandlung auftreten, also nicht nur bei Scheinbehandlungen" (1, 3). 

Beim Placebo-Effekt gibt es also zwei Teilbereiche zu unterscheiden:
  1. Die Gabe eines Scheinmedikaments (=das Placebo). Dieses Medikament enthält zwar keine pharmakologisch wirksamen Bestandteile, kann aber laut Definition (1) dennoch eine physiologische (körperliche) Wirkung auslösen. Dies liegt daran, dass der Glaube "Das wird mir helfen/gefallen" durchaus eine Hilfe sein kann. Eine solche Wirkung tritt auf, lässt sich jedoch nicht richten bzw. gezielt einsetzen (3, 4).
  2. Die Wirkung, die die Art der Verordnung eines Medikaments hat, im Sinne von: wie sehr gefällt mir, WIE ich das (Schein-)Medikament bekomme (=der Placebo-Effekt). Dazu zählen die Art und Weise, wie der Therapeut mir das Medikament anpreist, welche Erwartungen ich selbst damit verbinde, welche Erfahrungen ich damit im Guten wie im Schlechten schon gemacht habe, in welcher Atmosphäre und mit welcher Sicherheit und Überzeugung ich es verschrieben bekomme, in welcher Weise ich mich vorher über meine Beschwerden äußern konnte, wie gut verstanden ich mich dabei durch den Therapeuten gefühlt habe, wie tröstend ich aufgefangen werde und viele viele weitere Aspekte. So aufgeschrieben wirkt das etwas lang und komplizierte, intuitiv erfassen wir eine solche "Beigabe" jedoch völlig unbewusst in Bruchteilen von Sekunden.
Schauen wir uns also die Homöopathie an:
  1. In den homöopathischen Medikamenten ist nichts drin: Kein physiologisch wirksamer Stoff und schon gar keine "Energie". Ich habe das in anderen Blogs erklärt. Andererseits lassen sich nach ihrer Einnahme durchaus Veränderungen feststellen - subjektive und objektive. Sie sind also per definitionem Placebos.
  2. Das "Setting der Homöopathie", wie ich es im Buch auch dargestellt habe, bietet genau in diesem Bereich ein enormes Angebot: Emphatische, verständnisvolle, lange Gespräche mit einem von seiner Methode überzeugten Homöopathen in einer Notlage und gespeist durch die wärmste Empfehlung einer guten Bekannten "wirkt" die Homöopathie bestens - als Placebo. 
  3. Im Buch habe ich darüber hinaus dargestellt, warum die Botschaft "das wird Ihnen bei Ihren ganz speziellen Symptomen/Empfindungen helfen" einen besonderen, so genannten "Super-Placebo-Effekt" darstellen kann. Das Gefühl, es geht hier wirklich um MICH, verstärkt den tröstenden Aspekt der Placebo-Behandlung und führt zu einer individuellen Auto-Suggestion.
  4. Vermeintlich gute Erfahrungen konditionieren uns auf einen guten Glauben an die Homöopathie. Schlechte Erfahrungen und ausbleibende Erfolge werden als "Erstverschlechterung" rückwirkend erst recht bestätigend abgespeichert oder wir vergessen die Misserfolge schnell und merken uns nur den nächsten "Erfolg". So füttern wir unbewusst den Placebo-Effekt immer weiter. 
Wir kommen also nicht umhin, zu akzeptieren, dass die Homöopathie allein aufgrund des Placebo-Effekts wirkt. Etwas anders stellen auch alle bisher gemachten Studien nicht fest (2, 3)! Ich fand es nach dieser (mir nicht leicht gefallenen) Erkenntnis ethisch nicht mehr korrekt, meinen Patienten solches anzubieten unter der Behauptung, es sei etwas andres dran an der Homöopathie. Es gibt aber leider immer noch genug Homöopathen, die das weiterhin tun. Schicken Sie diesen gerne den heutigen Blog weiter.




(1) Thure von Uexküll, Wolf Langewitz: Das Placebo-Phänomen. In: Psychosomatische Medizin: Modelle ärztlichen Denkens und Handelns. Urban & Fischer bei Elsevier, 2008

Kommentare:

  1. Wer mehr und noch viel mehr (=alles?) über Placebos wissen will, kann hier das komplette Buch der Bundesärztekammer "Placebo in der Medizin" (2011) legal und kostenlos herunterladen (statt für 30 Euro bei amazon zu bestellen):
    http://www.igm-bosch.de/content/language1/downloads/Placebo_LF_1_17012011.pdf

    Oder das hier lesen: "Das Placebo-Phänomen aus sozialpsychologischer Perspektive." Ist aber schon etwas älter (1993)
    http://www.med.uni-magdeburg.de/jkmg/wp-content/uploads/2013/03/JKM_Band21_Kapitel8_Blanz.pdf

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  2. "Homöopathika zeigen keine über Placebo hinausgehende Wirkung", so die 'offizielle' Aussage der Homöopathie-Kritiker, bezieht sich nicht unbedingt nur auf den Placebo-Effekt, wie er hier beschrieben wird. Gäbe es nur die Alternative, entweder pharmakologische Wirkung oder der auf Erwartungshaltung oder therapeutisches Setting beruhende Placeboeffekt, dann hätten wir und alle übrigen Lebewesen wohl kaum die Jahrtausende und Jahrmillionen überlebt bevor es Medikamente gab. Denn auch die Existenz des beschriebenen Placeboeffekts setzt ja voraus, dass der Patient zumindest theoretisch davon Kenntnis hat, dass es wirksame Medikamente für seine Beschwerden gibt.

    Es gibt aber noch eine ganze Reihe anderer Mechanismen, die zu einer Genesung führen können: Regression zur MItte, natürlicher Krankheitsverlauf, Wirkung des Immunsystems und sicher noch viele mehr. Diese Effekte können auch in Erscheinung treten, wenn der Patient ein Placebo erhält - sind aber sicher nicht in der hier beschriebenen 'Placebowirkung' enthalten.

    In einer Vergleichsstudie treten diese Effekte in den Gruppen wahrscheinlich gleichermaßen auf und werden in der Verumgruppe von den spezifischen Effekten, so sie denn existieren, überlagert. Daher ist die obige Aussage eher so zu verstehen, dass nach Einnahme eines Homöopathikums nicht mehr passiert als bei einem Placebo, allerdings ohne darüber Aussagen zu treffen, welche Effekte nun im Einzelnen zum Tragen gekommen sein könnten. Die 'Placebowirkung' ist wie gesagt nur einer davon.

    Sogar bei Versuchen an Tieren oder Pflanzen wird man feststellen können, dass nach der Anwendung eines wirkstofffreien Homöopathikums Verbesserungen eintreten. Weil es diese Effekte, Regression zur Mitte, Wirkung eines Immunsystems, natürlicher Krankheitsverlauf etc. eben dort auch gibt. Natürlich entfällt die Erwartungshaltung und die Wirkung des Settings (ignorieren wir einmal den Tierhalter) - aber eine Schlussfolgerung beispielsweise, dass es sich deswegen zwangsläufig nur um eine medikamentöse Wirkung handeln müsse, ist eben falsch.

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  3. Lieber Herr Aust, ich bedanke mich für die Berichtigung! Ich wollte (und werde;-) dem Thema noch einen eigenen Blog widmen. Aber das tut der Richtigkeit Ihrer Ergänzung keinen Abbruch.

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  4. Liebe Frau Grams, sehen Sie es weniger als 'Berichtigung' denn als 'Ergänzung', denn Ihre Ausführungen zum 'Placeboeffekt' bleiben ja in vollem Umfang bestehen.

    Ich hatte mich übrigens auch in einem Blogbeitrag etwas ausführlicher damit beschäftigt, wobei dies die Sichtweise eines nicht medizinisch vorgebildeten Beobachters darstellt - die vielleicht zu verbessern ist.

    Hier der Link: http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=1072

    Viele Grüße
    Norbert Aust

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  5. Ja, den habe ich schon erfolgreich in meiner Leserunde auf Lovelybooks.de geteilt. Hat dort ein paar Augen geöffnet:-) sehr lesenswert

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