Freitag, 3. Juli 2015

Warum die homöopathischen Arzneimittelprüfungen keine Prüfungen sind

Die homöopathischen Arzneimittel (AM) Prüfungen sind eines der Kernstücke der Homöopathie. Doch auch hier tritt das nun schon mehrfach skizzierte Fehldenken der Homöopathen auf: Wir Homöopathen neigen dazu, vorschnell intuitive (teils auch magische) Schlüsse zu ziehen, Analogien herzustellen und diese dann nicht weiter zu überprüfen.

Zur Erinnerung: Die AM-Prüfung besteht darin, dass gesunde Personen ein homöopathisches AM einnehmen und hernach alle auftretenden Symptome notieren. Je nach Häufigkeit ("häufiger als zufällig") und Deutlichkeit wird gewichtet und ein AM-Bild aus den Aufzeichnungen zusammengestellt. Dieses umfasst körperliche aber auch sogenannte Gemütssymptome. Manche AM Bilder sind über Jahre hinweg erweitert worden und umfassen unglaubliche Mengen an Symptomen, andere, sogenannte kleine oder neue Mittel, nur wenige.

Zwei Punkte sind nun ganz entscheidend:

  1. Wenn die homöopathischen Arzneimittel nichts enthalten, wovon wir spätestens ab einer Potenz D6 ausgehen können und wenn weder Quantenphysik noch ein Wassergedächtnis uns zu der Annahme berechtigen, es sei eine "Energie" enthalten, dann nehmen wir also bei einer Prüfung nichts oder vielmehr Placebos ein. Placebo bedeutet dabei nicht, dass es nicht zu Reaktionen nach der Einnahme kommen kann. Sei es durch das Bewusstsein ausgelöst etwas genommen zu haben oder durch Zufall bzw. vielmehr den normalen Lauf der Dinge. Diese Reaktionen nun aber als Reaktionen auf ein AM zu bezeichnen, ist falsch. Wir vergessen dann schon wieder, dass wir Placebos "prüfen" und dass das eben nur zufällige Ergebniskonstellationen ergibt. Mag also sein, dass drei Prüfer unter Kopfschmerzen leiden - aber was sagt uns das? Nichts. 
  2. Selbst wenn die AM etwas enthielten, bleiben folgende Fragen unbeantwortet: Hätten die Prüfer an jenem Tag sowieso Kopfschmerzen gehabt? Neigen sie zu Kopfschmerzen? Könnte es sich zufällig um eine Kopfschmerz-Gruppe handeln? Haben sie am Abend zuvor gezecht? Welche anderen Gründe können zu Kopfschmerzen geführt haben? Und nicht zuletzt: Hätten sie auch ohne Mittelgabe und Prüfungssituation Kopfschmerzen gehabt? Denn dies ist die wichtigste Frage, um eine Kausalität, einen gesicherten Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, herstellen zu können. Wir alle neigen - ganz menschlich- dazu, schnelle Analogieschlüsse und Kausalitätsvermutungen zu haben. Es gibt die Wissenschaft um zu überprüfen was dran ist. 

Weitere Fragen: Gab es jemals eine Prüfung, die widerlegt wurde? Prüfungssymptome, die aus nachvollziehbaren Gründen wieder aus einem AM-Bild entfernt wurden? Gab es Fehler in Prüfungen, die allgemein diskutiert und offengelegt wurden?
Nein? Das heißt, es hat sich in 200 Jahren Homöopathie nie ein Prüfer und Homöopath geirrt?
Das kann nicht sein. Wir dürfen also den Begriff Prüfung für so etwas nicht verwenden, denn gerade eine ÜberPRÜFUNG findet in keiner Weise statt.

Hahnemann gibt dazu nur an: „Der Selbstversucher weiß es selbst, er weiß es gewiß, was er gefühlt hat“. (Organon-Anmerkung, §141)
Hahnemann selbst können wir seine aus heutiger Sicht hanebüchen anmutende Gewissheit nicht unbedingt vorwerfen. Im Gegenteil, er war immerhin einer der ersten, die überhaupt AM an Patienten (und auch an sich selbst) überprüfen wollte. Dass er nicht über das Wissen verfügte, diese "gefühlten" Vermutungen wirklich zu überprüfen, so, wie wir es heute können (in randomisierten Placebo-kontrollierten, doppelt verblindeten Verfahren, RCT), ist klar. Wir Homöopathen tun jedoch so, als gäbe es das heutige Wissen nicht.




Zum Weiterlesen über die homöopathische AM-Prüfung: http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=1495

Kommentare:

  1. Liebe Natalie,

    ich muss ja gestehen, dass mir die AMP Anlass großer Heiterkeit und ungebremster Spottlust sind.

    Besonders solche modernen Prüfungen, z.B. die des Deutschen Wattwurms oder die von „Marble white“ haben es mit angetan. Jenseits ihrer intellektuellen Trostlosigkeit sind die grandiose Comedy.
    Wie Jutta Thiel es schafft, aus den Lebensbedingungen des Wattwurms, der in den Weiten des Nordseeschlamms den Gewalten der Natur trotzt, und dabei angeblich ziemlich wütend wird, das Leitsymptom „starke Wutanfälle“ zu entwickeln, das ist wenigstens genau so abgedreht, wie der Bogenschlag Ulrike Keims, von den Zaubererträumen eines Prüfers auf das Leitsymptom „Feenträume“ beim irischen (!) weißen Marmor zu schließen, weil Irland ja das Land der Fairytales ist - und der Stein ein aufmerksamer Zuhörer.

    Das ist schon ganz großes homöopathisches Damentennis.

    Dumm ist nur, dass man nie so genau weiß, ob man es mit Ernsthaftigkeiten oder mit Comedy zutun hat. Seit der Homöopath Wichmann seine Prüfung von „Eulenmilch“ veröffentlicht hat, gibt´s da bei mir jedesmal Zweifel. „Eulenmilch“ war nämlich Comedy - nur hat´s keiner gemerkt. Und selbst, nachdem Wichmann gestanden hatte, dass die Prüfung ´ne Parodie war, finden wir „Eulenmilch“ noch in dem einen oder anderen Repertorium.
    Ich mag zwar diesen Jargon nicht, aber, sachma, ist das nicht geil?

    Genug der Polemik: Wie funktionieren Arzneimittelprüfungen?

    Der Psychologe Keith Petrie (Universtity of Auckland) hat in einer repräsentativen Studie mal nach der Häufigkeit von Symptomen gefragt, die sich als Zeichen einer Erkrankung deuten lassen: Eine Woche sollten die Befragten notieren, was sie so an Symptomen an sich wahrnahmen.
    Was da an Beschwerden zusammenkam, waren praktisch alle bekannten Alltagsleiden, wobei viele dieser Symptome letztlich Befindlichkeitsstörungen sind, und häufig, sofern man sich nicht in einem Test-Setting befindet, überhaupt nicht registriert werden. Aber es kam etwas zusammen.

    Wir können, wenn wir konzentriert in uns hineinhorchen, immer etwas feststellen, was als Krankheitssymptom zu deuten ist, schon weil wir nicht in der Lage sind, den kausalen Zusammenhang herzustellen, der zu der wahrgenommenen Erscheinung führt.
    Und da wir auch ein bißchen hysterisch sind, vermuten wir natürlich schon eine wahrscheinlich lebensbedrohliche Erkrankung, wenn sich bloß eine Gasblase schmerzhaft durch den transversalen Kolon zwängt.

    Petries Studie ist jetzt so etwas wie eine Arzneimittelprüfung - nur ohne Arznei. Schieben wir nun ´ne konsequent wirkstoffbefreite D30 dazwischen, haben wir eine homöopathische Arzneimittelprüfung. Ergebnis wie vorher.

    Bedenken wir jetzt noch dabei, dass sich das Patientenkollektiv zu Beginn des 19. Jhdt. hinsichtlich seiner Gesundheit enorm von den gegenwärtigen Verhältnissen unterschied, und schon allein wegen des ohnehin bescheidenen Gesundheitszustands jede Menge Symptome produzierte, dann haben wir das Setting der frühen Arzneimittelprüfungen - und den Grund für die z.Tl. enormen Symptomzahlen, die in den frühen Arzneimittelbildern zu finden sind.

    Arneimittelbilder reflektieren hauptsächlich drei Aspekte:
    - die speziellen Prüfungsbedingungen;
    - die Interessenslage der Prüfer;
    - die Bedrängnisse und die besonderen Interessenslagen der Zeit, in der sie entstanden sind;

    Selbst auffällige Symptomhäufungen sind nicht der Arznei geschuldet, sondern z.B. auf den Zeitpunkt der Prüfung zurückzuführen: So banal es klingt, aber man wird bei einer Prüfung in einer schwülen Hochsommerwoche sicher andere Symptome aufzeichnen, als bei Erprobung im Januar.
    Dazu kommt, dass viele Prüfungen nicht verblindet waren und außerdem unter Homöopathen durchgeführt wurden: Die Leute wussten oft, welches Mittel sie „prüften“, und sie wußten auch, was an Symptomen so erwartet wurde.

    Insoweit erinnert mich die Materia medica immer an meinen Neffen, der mir mit drei oder vier Jahren große Geschichten vorlas, allerdings aus ´nem alten Stowasser, den er auch noch verkehrt herum hielt.

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    1. Lieber excanwahn,
      können Sie sich vorstellen, wie viele Zuschriften ich nun täglich bekomme von Homöopathen, die mir schreiben: Aber, Frau Grams, was ist denn mit den Prüfungen? Ich habe bei der Prüfung doch an mir selbst die Symptome von Chamomilla, Lac humanum, Uterus oder Helium erlebt! Das kann doch keine Einbildung sein!
      Schwer, dann zu schreiben, doch genau das ist es. Oder zumindest der menschlich verständliche Bestätigungsfehler, den es aber durch Objektivieren auszuschalten gelten muss in der Medizin.

      Kürzlich sprach ich mit einem Homöopathie-kritischem Alt-Apotheker, der mir erzählte, sie hätten im Studium mal aus Versehen Phosgen (eine hochgiftige Substanz) verschüttet. Der Professor habe sie nach Hause geschickt mit den Worten: Da können wir jetzt nichts machen, legen Sie sich ins Bett und beobachten Sie sich. Wenn es schlimm wird... (er ließ das offen, aber es sollte bedeuten ...dann ist es schon zu spät). Er beschrieb mir, wie er als Student in der Folge alle Phosgen typischen Symptome wie Kratzen im Hals, retrosternale Schmerzen, Hustenreiz, Schwindel, Übelkeit und Kopfschmerzen wahrnahm, so wie eine zunehmende Kurzatmigkeit. Er wähnte sich dem Tode nahe und fuhr in die Klinik - dort traf er etliche seiner Kommilitonen. Alle überlebten. Und alle erfuhren am nächsten Tag, dass es sich glücklicherweise nicht um Phosgen gehandelt hatte. Eine astreine "Prüfung", erklärte er mir lachend;-)

      Kennen Sie die Prüfungen von Scholten zu "geheime Lanthanide"? Da hab ich mich schon zu meiner Homöopathen-Zeit gefragt (dies aber erfolgreich verdrängt), was die wohl für Drogen genommen haben, um auf solche Assoziationen zu kommen. Viel Spaß beim Lesen.

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  2. Liebe Natalie,

    zu Scholten hatte ich in meinem ersten Kommentar so einige Sätze fallen lassen, musste aber, weil mir die Blogmaschine mitteilte, dass ich der Worte zuviel benutzt habe, den Absatz wieder streichen. Egal.

    Scholten ist ganz schrill. Obwohl es im Grunde egal ist, ob ich Arzneimittelbilder aus fragwürdigen Arzneimittelprüfungen entwickle, oder, wie der fliegende Holländer, auf den ganzen Prüfungskram scheiße und die Arzneimittelbilder aufgrund angeblich erkannter Gesetzmässigkeiten innerhalb des Periodensystems der Elemente den „Arzneien“ zuordne.

    Das führt dann beispielsweise dazu, dass Scholten das Element Helium, weil es als Edelgas nur in absoluten Ausnahmefällen mit anderen Elementen reagiert, als „das“ Mittel zur Behandlung von autistischen Kindern ansieht.

    Homöopathen scheinen damit aber kaum Probleme zu haben. So konnte ich auf einer Website lesen: “Dass Scholtens System ein genialer Neuansatz der Homöopathie ist, hat sich inzwischen weltweit durch unzählige Kasuistiken und geheilte Fälle bestätigt.“

    Wenn ich solche Sätze lese, meldet sich Douglas Adams bei mir, der im „Anhalter“, der fünfteiligen Trilogie in vier Bänden, die grandiose Idee verarbeitete, dass die Erde samt Menschheit nur ein von ein paar Mäusen betriebenes Versuchslabor ist.
    Diese Mäuse nun, die schicken bei passenden Gelegenheit jemand wie Scholten ins System, nur mal um zu sehen, was so passiert...

    Und dann höre ich die kleinen Schelme leise miteinander flüstern: „Sie haben ihn noch nicht geteert, gefedert und aus der Stadt gejagt!“ - „Unglaublich!“ - „Und er darf auch noch Menschen behandeln!“ - „Wahnsinn!“ - „Du schuldest mit 10 Atair-Dollar!“.

    Dabei kichern sie hämisch.

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  3. Jaja, die Niederländer - guuuter Stoff! ... Von Herrn Scholten hatte ich noch nicht gehört, aber die Leseprobe zu den Lanthaniden bringt mich zu der Frage, wo ich das Zeug herbekomme, das der Mann raucht.
    Ganz im Ernst und zum Thema: https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Donner. Einzelnachweis 7 führt zu der Zusammenfassung des berühmt-berüchtigten Donnerreports.

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    1. Genau das habe ich mich auch schon bei der Lektüre der Lanthaniden-Prüfungen gefragt, allerdings schon zu Homöopathenzeiten;-)

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