Mittwoch, 1. Juli 2015

Warum wissen die Homöopathen nicht, dass sie sich irren?

Eigentlich erstaunlich: Es gibt eine Fülle an Information über die Homöopathie und ein großer Teil davon spricht eindeutig GEGEN die Homöopathie. Manchmal frage ich mich, wie ich dem so lange habe ausweichen können. Ich erinnere mich an Spiegel-Titel, die mir so viel Angst gemacht haben, dass ich sie gar nicht erst las. An Argumente von Kritikern, die ich abgetan habe mit: Die können das doch gar nicht beurteilen, sind ja keine Homöopathen! Was haben die nur für einen Hass auf die Homöopathie? Sind sie vielleicht neidisch, auf das was wir können und wissen?! Lange Zeit musste ich also mit dem leben, was man im Fachjargon "kognitive Dissonanz" nennt.

Es ist kein angenehmes Gefühl, diese kognitive Dissonanz. Sie entsteht z.B., wenn Überzeugung und Wissen nicht miteinander vereinbar sind. Und: es ist einem oft nicht so richtig bewusst. Bewusst war mir lange Zeit nicht, dass ich (und alle Homöopathen mit mir) falsch liege. 
Homöopathen und auch viele Patienten, die ich kenne, sind voller Überzeugung, dass sie richtig liegen. Um nicht erkennen zu müssen, wo sie irren, sind sie nun erst recht überzeugt. Erklärt man ihnen die offensichtlichen Fehler, wehren sie ab, was das Zeug hält und sind vielleicht sogar noch stolz, sich nicht in das "Korsett wissenschaftlicher Denke sperren zu lassen". Werden sie daran erinnert, welche Kriterien eine wissenschaftliche Studie oder Beweisführung erfüllen sollte und dass sich ihre Theorien nicht allein auf persönliche Beobachtungen und eigene Erfahrungen stützen dürfen, dann erfinden sie einfach eigene Prinzipien ("die Homöopathie ist zu individuell, um sie überprüfen zu können" oder "die Wissenschaft versteht unsere Energie eben nicht, selber schuld"). Auf das wacklige Fundament von Hahnemanns Lehre angesprochen, schimpfen sie über die "Nachteile der Schulmedizin". Statt sich mit den banalen Tatsachen und Fakten zu beschäftigen, findet ein emotionales und pseudo-wissenschaftliches Verteidigen der eigenen Lehre statt. Je weniger Wissen, umso mehr Überzeugung, würde ich heute sagen. Auch über mich.
Eigene Überzeugungen zu überdenken erfordert, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Übrigens das, was die Homöopathen immer von den Wissenschaftlern fordern. Tatsachen wieder als Tatsachen zu sehen ist irgendwie unsexy. Und es tut weh. Denn es bedeutet, sich die Peinlichkeit einzugestehen, lange Zeit falsch gelegen zu haben und mit dieser Haltung möglicherweise auch Schaden angerichtet zu haben. Einer meiner homöopathischen Lehrer setzte bei vielen Patienten, die zu ihm kamen, konsequent die meisten der normalen Medikamente ab. Auch bei Diabetikern. Auch bei Patienten nach einem Herzinfarkt. Und er war Arzt. Sich an irgendeinem Punkt einzugestehen, das war so was von grottenfalsch, bedeutet auch, sich einzugestehen: ich habe vielleicht einem Menschen schweres Leid angetan oder zumindest seine Gesundung verzögert. 
Auch als Patient ist es nicht leicht, seine vermeintlich positiven Erfahrungen mit der Homöopathie zu revidieren. Man müsste anerkennen, wie sehr man sich selbst hinters Licht führen kann. Und das ist schlimm. Sein Denken zu überdenken ist enorm schwer, denn es bedeutet aus einem bekannten Denkmuster heraus zu treten. Und das nimmt viel Sicherheit, von der wir im Leben viel brauchen. Gerade, wenn wir krank sind.

Um also zu erkennen, dass sie falsch liegen, müssten die Homöopathen und Homöopathie-Anhänger sich selbst überwinden. Da ist es schon einfacher, so weiter zu machen, wie bisher: Ich habe recht, auch wenn ich falsch liege (denn dann muss ich letzteres nicht erkennen).

Kommentare:

  1. Danke für diese Worte! Sie machen mir Hoffnung, dass man sich offensichtlich aus diesem Denkmuster befreien kann. Homöopathen praktizieren nicht nur ... im Regelfall leben sie die Homöopathie. Ein meines Erachtens ungesunder Zirkel um Geukens, Vithoulkas u.s.w.. Viel Geld wird mit den Homöopathen verdient ... Repertorien, Software, Hardware, Praxismöbel, Aufbewahrungstaschen pp. ... Wäre schön, wenn ihr Beispiel den einen oder anderen befreit.

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  2. Danke für Ihre Worte. Ja, es ist möglich aber es ist auch nicht leicht. Und ich muss zugeben, dass ich teils jetzt erst mitkriege, wie krass manche Homöopathen drauf sind. Ich hatte es mit eigentlich ganz "vernünftigen" (im Vergleich) Leuten zu tun; auf Facebook und auf anderen Plattformen und auch durch Zuschriften als Reaktion auf mein Buch, erlebe ich nun aber die ganz andere, morastige Seite der Homöopathie. Übel! Ein langer Weg noch...

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  3. Warum wissen die Homöopathen nicht, dass sie sich irren?
    Oder warum sie nicht wissen wollen, dass sie sich irren?

    Weil sie das hier noch nicht kennen oder nicht lesen wollen oder nicht verstehen wollen/können oder einfach ignorieren.

    http://www.kritisches-denken.de/Dokumente/diskussionsleitfaden_html/index.php
    http://www.kritisches-denken.de/Dokumente/Argumentative_Fallacies.pdf

    Viel Spaß bei der Lektüre, liebe Homöopathen!

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  4. Wusste ich´s doch, so viel Wissen haben nur Kritiker, gell Maxx;-)

    Vielen Dank für die wertvollen Links

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  5. An Excan's Wissen komm ich zwar nicht ran, aber Homöopathen und Impfgegner sind meine Lieblings-Zielgruppe.
    Freut mich, wenn die Links für Sie oder andere brauchbar sein können.
    Aber skeptisches Denken muss Ihnen jetzt ja keiner mehr beibringen.
    Und großes Lob für Büchlein.

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  6. Liebe Frau Grams,
    mit vitalem Interesse habe ich Ihre Kehrtwendung in Sachen Homöopathie zur Kenntnis genommen. Eine Frage in Zusammenhang damit interessiert mich brennend: Wie hat sich dieses Umdenken auf Ihr Verhältnis zur TCM, insbesondere der Kräutertherapie (über die es ja weit weniger Studen als zur Akupunktur gibt), ausgewirkt?

    Herzliche Grüße

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    1. Lieber Herr Stingl, ich mache schon lange keine TCM mehr und habe sie wohl auch nie so richtig gemacht. Deshalb bin ich hier absolut keine Expertin. Von meinem Verständnis her kann die Phytotherapie der TCM jedoch anders beurteilt werden als die Homöopathie, da hier ja tatsächlich Wirkstoffe im physiologisch messbaren Bereich gegeben werden. Ob damit gleichzeitig jedoch auch gesagt wird, dass die TCM und ihre Sichtweise auf den Menschen auch heute noch haltbar ist (z.B. was Meridiane oder das Qi anbetrifft), kann ich nicht sicher beurteilen.

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  7. Die Links sind tatsächlich klasse
    Sehr gut

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