Samstag, 18. Juli 2015

Was kann die Homöopathie?

Was die Homöopathie kann, ist fraglich. Denn erstens habe ich ja auch im Buch schon erklärt, warum es DIE Homöopathie (als eine einheitliche Methode) gar nicht gibt. Folglich kann man auch nicht beurteilen, was DIE Homöopathie kann. Und wenn sie zweitens - gravierender - keine Arzneitherapie ist, dann kann sie grundsätzlich nicht das, was sie können möchte. Ich frage also wohl besser: Worauf macht uns die Homöopathie aufmerksam?
Der ungebrochene Zustrom der Patienten zur Homöopathie - trotz immer heftigerem und immer populärerem Zweifel an der "Heilmethode"- macht aus meiner Sicht darauf aufmerksam:
  1. Patienten entscheiden sich offenbar nicht aufgrund von Fakten und Wissen. Gerade im Internet gibt es zu den meisten Themen die schwarze und die weiße Meinung, schön polemisch aufbereitet (siehe z.B. CO2-Emissionen), Diskussionsgruppen (siehe z.B. Impfen), als informativ getarnte Glaubensseiten (siehe z.B. MMS) und vieles weitere mehr. Was WISSEN und was Meinung ist, ist für den Patienten nicht ersichtlich. Hier für Aufklärung zu sorgen, ist sicher noch ein langer und beschwerlicher aber ein nichtsdestotrotz sehr wichtiger Weg. 
  2. Empfindungen und Gefühle sind oftmals wichtiger sind als Fakten bei einer Entscheidung. Der Glaube "Mir haben die Globuli aber doch geholfen" zählt de facto mehr, als alle wissenschaftlichen Belege, dass und warum, das nicht stimmt. Die Homöopathie ist also ein gutes Beispiel, wie magisches Denken über rationales siegt - auch heute noch. Diese Offenbarung legt den Gedanken nahe, auf welche Weise Aufklärung betrieben werden muss, um "anzukommen". 
  3. Body/Mind Aspekte der modernen Psychosomatik sind noch nicht populär genug und noch nicht an der Basis unserer modernen Medizin und auch nicht in der Gesellschaft angekommen. Denn, und das lege ich auch im Buch dar, die Homöopathie HAT eine Wirkung durch ihr Setting, durch den Rahmen, durch die Gespräche, die sie anbietet. Auch hier kann sicher nicht allgemein gesprochen werden, aber dass gute Gespräche eine Wirkung bis auf die synaptische und molekulare Ebene unseres Gehirns haben, das ist auch etwas, das wir heute wissen (1). Wie viel Bedeutung dem Arzt/Therapeuten also durch die Art, wie er mit dem Patienten umgeht, zukommt, das sehen wir an der Homöopathie und an dem Zulauf, den sie erfährt. Sprechende (oder vielmehr zuhörende!) Medizin fehlt schmerzlich in unserem normalen medizinischen Alltag. Der Psychoanalytiker Michael Balint ging sogar so weit, zu sagen, das wichtigste Heilmittel sei der Arzt selbst. Nicht das Arzneimittel selbst sei ausschlaggebend, sondern die Art und Weise, wie der Arzt es verschreibe, die Atmosphäre, in der es gegeben werde. Was er dem Patienten dabei vermittle. Die Homöopathie macht uns so gesehen darauf aufmerksam, dass dieser Aspekt der "sprechenden Medizin" in unserer normalen Medizin zu kurz kommt. Das ist aus meiner Sicht der Hauptgrund, warum Patienten sich nach wie vor an die Homöopathie wenden. Es gilt, nicht nur über die Alternativmedizin herzuziehen und ihre Nachteile anzuprangern, sonder auch vor der eigenen Türe zu kehren. Wir können heute auch aus (psycho)neuroimmunologischer Sicht zeigen, dass diese Aspekte nicht nur nettes Beiwerk sind und etwas verächtlich unter Wellbeing verbucht werden sollten, sondern, dass wir dadurch, wie wir uns unseren Patienten nähern, einen direkten Einfluss auf die Biologie und Physiologie haben können. 


(1) Kandel ER (2008): Psychoanalyse und die Biologie des Geistes. Suhrkamp

Zum Weiterlesen:  Rüegg JC (2014) Mind & Body. Wie das Gehirn unsere Gesundheit beeinflusst. Schattauer

Kommentare:

  1. "Die Homöopathie ist also ein gutes Beispiel, wie magisches Denken über rationales siegt - auch heute noch."

    Es ist nicht nur magisches Denken, viele Gründe spielen eine Rolle, die uns alle im Alltag gut "funktionieren" lassen, eine (sicher nicht vollständige Auswahl) dazu: http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2014/03/22/10-gruende-an-die-homoeopathie-zu-glauben-oder-es-sein-zu-lassen/

    Insofern: Wenn jemand an die Homöopathie glaubt, ist er nicht per se von gestern oder ein schlechter Mensch, auch kein Grund, Freundschaften aufzukündigen, eher eine Herausforderung an die Fähigkeit, damit umzugehen, bei einem Thema einen Schritt weiter zu sein. Aber wo führen die nächsten Schritte hin?

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  2. Lieber Herr Kuhn, vielen Dank für den spannenden Link. Erlaben Sie, ass ich ihn auch auf meiner facebook Seite poste?
    Auf viele der darin genannten Punkte gehe ich im Buch ausführlicher ein und stimme Ihnen insofern zu. Auch darin, dass der nächste Schritt noch unklar ist. Denn, wohin mit all den Patienten, die derzeit der Homöopathie vertrauen, wenn es diese nicht mehr gäbe?!

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    1. Fatzebook: Ja, natürlich.

      Nächste Schritte: Ein paar Antworten gibt Klaus Dörner in seinem Buch "Der gute Arzt", Sie kennen es vermutlich.

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    2. Nein, kenne ich noch (!) nicht. Lese gerade Ärztliche Kommunikation...

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