Donnerstag, 6. August 2015

Antwort auf die Rezension meines Buches des DZVhÄ

Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) hat eine Rezension meines Buches veröffentlicht: http://www.zeitschrift-homoeopathie.de/medizin-falsch-gedacht-rezension-ueber-natalie-grams-neu-gedachte-homoeopathie/

Hier schreibe ich meine Erwiderung:

Danke, lieber DZVhÄ. Danke, dass Sie bereits im ersten Absatz schreiben: Jedem Homöopathen sei bekannt, dass die Homöopathie der Naturwissenschaft widerspricht. So klar und deutlich habe ich das, ehrlich gesagt, noch von keinem Homöopathen gehört und das gibt mir Hoffnung. Denn genau darum geht es: Die Theorie der Homöopathie würde bestehendem und gesichertem Wissen widersprechen und kann damit auch in Zukunft nicht (durch neues Wissen über heute noch Unerklärliches) bestätigt werden – was ja die Hoffnung vieler Homöopathen ist.


Auch Herrn Hoppe ist der gleiche Denkfehler unterlaufen, wie er vielen Homöopathen und von der Homöopathie Überzeugten passiert: Von einer einzelnen, persönlich beeindruckenden Erfahrung darauf zu schließen, dass eine ganze Methode wirksam sei - was unmöglich ist. Viele Erfahrungen ergeben nicht automatische eine Erfahrungsheilkunde und sie ersetzen auch keine Evidenz. Ihr Zitat stammt übrigens aus einem Spiegel-Artikel mit dem Titel „Rückfall ins Mittelalter“ (2). Selbst noch so eindrückliche oder wiederholbare Erfahrung oder empirische Erhebungen können nicht außerhalb des Möglichen liegen. Sollte die Homöopathie nach Hahnemann aber stimmen, so würde sie auf Phänomenen beruhen, die längst als naturwissenschaftlich widerlegt gelten und damit unmöglich sind - aber das haben sie ja bereits in Ihrem Eingangsstatement selbst bestätigt.

Wie richtig von Ihnen zitiert, geht die Gleichung Homöopathie = Naturwissenschaft = Medizin heute aber nicht mehr auf, da wir deutlich mehr über die Natur und ihre Zusammenhänge wissen, als Hahnemann. Das Interpersonelle der Homöopathie (z.B. die Arzt-Patienten-Beziehung, der Placebo-Effekt) lässt sich zwar zum Teil mit den Sozialwissenschaften besser beschreiben, insofern spreche ich mich für einen humanwissenschaftlichen Ansatz aus, dennoch widerspricht ein solches Vorgehen nicht der Naturwissenschaft. Wir brauchen heute keine Lebenskraft mehr, um uns uns selbst plausibel zu erklären. Wir können heute darstellen, dass und warum die Potenzierung niemals eine Energie/Information liefert. Ich lege dies im Buch ausführlich dar. Nur wollen oder können Sie das offensichtlich nicht erkennen. Und zitieren stattdessen die fehlerhaftesten oder am häufigsten widerlegten Studien und Experimente (die Wasserlinsen, also echt!) oder Sie zitieren falsch oder Sie machen mehr daraus, als darin steht, wie beispielsweise bei den von Ihnen als positive Belege zitierten Metastudien und die Arbeit von Prof. Hahn. Es gibt inzwischen so viele schlechte und mittelgute Studien, dass allein bei einer solchen Anzahl schon rein statistisch scheinbar positive Ergebnissen dabei sind. Und selbst diese zeigen dann in der überwiegenden Zahl von Fällen nur sehr kleine therapeutische Effekte, wie die von Ihnen zitierte Arbeit von Baumgartner, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind. Details hierzu finden Sie im aktuellen Artikel auf dem Blog von Herrn Aust (Link: http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=2608). Darüber vergessen Sie meinen Hauptpunkt: Wo kein Wirkstoff ist, kann unmöglich eine arzneiliche Wirkung sein. Damit sind auch alle weiteren diesbezüglichen Studien obsolet und die von Ihnen genannten internen Punkte der Homöopathie, wie die Verbesserung der Arzneimittelprüfung, etc. hinfällig.

Was also bleibt übrig von der Homöopathie?
Es bleibt nur, dass das Gespräch und das therapeutische Setting eine Wirkung haben, die der Psychotherapie analog sein könnte. Hierzu dürfen gerne weitere Studien gemacht werden, allerdings wird das bei der Diversität der homöopathischen Schulen schwer bis unmöglich.
Und es bleibt der Placebo-Effekt, der wertvoll ist und auch genauer untersucht werden kann. Gerne auch von Ihnen.

Wikipedia zitiere ich übrigens nur, um Patienten und Laien ein Auffinden allgemeiner Sachverhalte und Definitionen leicht zu ermöglichen. Auch finden sich dort bei Interesse meist die fachlichen, weiterführenden Links und weitere Quellenangaben.

Ich weiß nicht, ob gerade Herr Lambeck, der sich so sehr gegen die Homöopathie ausspricht, von Ihnen zitiert werden möchte, aber dennoch: Es gibt kein Phänomen einer arzneilich wirksamen Homöopathie. Weiter darauf zu beharren, obwohl alle Fakten und Studien dagegen sprechen, bedeutet, sich dem Fortschritt zu verweigern und dem Patienten bei wichtigen Entscheidungen in Bezug auf seine Gesundheit weiter ein falsches Heilsversprechen anzubieten. Das widerspricht meinem Gewissen und meinem ärztlichen Ethos.
Warum haben Sie eigentlich nicht z.B. dieses Zitat von Lambeck auch angeführt: „Wer behauptet, Belladonna D60 herzustellen, hat in Wirklichkeit nur die Rückstände der Alkoholproduktion potenziert, die davon abhängen, ob der Alkohol aus Weintrauben, Roggen, Kartoffeln usw. fabriziert wurde. Also können keine Arzneimittelbilder festgestellt werden, also sind die daraus abgeleitet Bücher (Materia medica und Repertorienbücher) falsch. Auch ein Präparat, das noch wirksame Substanz enthält, beispielsweise D3, ist ein falsches Medikament, wenn es nach diesen Repertorien verordnet wird. Die Homöopathen arbeiten nicht nur mit falschen Medikamenten, sondern auch mit falschen Büchern. Das Argument der falschen Bücher ist unabhängig vom Placebo–Effekt und trifft die Homöopathie ins Mark.“ (2)

Oh, und da Sie die Schweiz als Vorreiter anpreisen, darf ich zum Abschluss Frau Prof. Witt zitieren (Professorin für Komplementärmedizin an der Univ. Zürich): „Ein eindeutiger Wirknachweis homöopathischer Arzneimittel und die Formulierung eines Wirkmechanismus der homöopathischen Potenzen liegen bis heute nicht vor.“ (3) und „Homöopathie ist unspannend und nicht wirksamer als Placebo“. (4)

Mit besten kollegialen Grüßen
und in Vorfreude auf unseren weiteren Austausch,

Ihre Natalie Grams


PS: Sie werden sich nicht vorstellen können, wie viele Ex-Homöopathen mir nun täglich schreiben. Ich bin ganz bestimmt nicht die Einzige, die aufhört mit der Homöopathie. Vergessen Sie auch Herrn Ernst nicht.



(1) http://www.spiegel.de/spiegel/a-730444.html
(2) Anhang zur Drittauflage von Lambeck M (2014) Irrt die Physik? (persönliche Mitteilung)
(3) Witt C (2006):  Grundlagen- und  klinische Forschung zur Komplementärmedizin am Beispiel der Homöopathie und der Chinesischen Medizin      
(4) Witt C (2015) http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Ist-das-bei-Chirurgen-so-anders/story/17098489


Kommentare:

  1. Diese Aktion des DZVhÄ ging gründlich daneben. Wir freuen uns auf Antworten! http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=2608

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  2. Die "Rezension" des DZVhÄ ist eine polemische Verteidigung des Marktes, in dem der Verein tätig ist. Klar, wenn sich eine ehemalige Anhängerin abwendet und darüber ein Buch schreibt, gefährdet das die Umsätze. Am Ende kommen noch die Kunden oder andere Ärzte ins Grübeln. Deswegen ist dem Verein auch der letzte Satz seiner "Rezension" ganz wichtig: Frau Grams ist ein Einzelfall.

    Ansonsten ist die "Rezension" langweilig, eben weil sie so einseitig defensiv ist. Da ist kein Hauch von Nachdenklichkeit zu erkennen, nur absolute Gewissheit, recht zu haben. Und dazu passend eine gehörige Portion Größenwahn: Für den Satz "Vielmehr wird die Homöopathie zu einem Motor für den Fortschritt in der Wissenschaft" sähe man doch gern mal einen Beleg. Mir ist nichts, aber auch gar nichts in der Wissenschaft bekannt, das der Homöopathie zu verdanken wäre.

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    1. An Herrn Ernst als prominentesten "Aussteiger" wollen sie sich wohl auch nicht erinnern...

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    2. ... ja, der wurde durch Verdrängung entschärft. In der aktuellen Ausgabe 3/2015 der ZEFQ (http://www.ebm-netzwerk.de/was-wir-tun/publikationen/zefq) gibt es übrigens ein paar ganz interessante Artikel zur CAM, leider hinter der Paywall.

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  3. Albrecht Bodegger7. August 2015 um 16:19

    Liebe Frau Grams,
    die Medizin ist nicht nur aus historischer und wissenschaftstheoretischer Sicht nicht den Naturwissenschaften zuzuordnen. Aus gutem Grund bildet sie an Universitäten eine eigene Fakultät und vergibt andere Doktorgrade. Im Gegenteil - sie kann viel mehr als reine Naturwissenschaft.
    Nach einer Definition von K.D. Bock ist sie "eine Anwendungs- und Handlungswissenschaft, die Methoden und Theorien anderer Wissenschaften, der Chemie, der Physik, der
    Biologie, der Psychologie und der Sozialwissenschaften unter dem Gesichtspunkt ihrer Brauchbarkeit für die Erkennung, Behandlung und
    Vorbeugung von Krankheiten auswählt, modifiziert und empirisch Regeln für die Anwendung in Forschung und Praxis der Medizin erarbeitet". Sie bedient sich also durchaus in vielen Gebieten der Naturwissenschaft, ist aber selbst keine. Ich empfehle Ihnen dazu den Aufsatz Ihres Kollegen Köbberling zum 'Begriff der Wissenschaft in der Medizin'. Nach Ihrer Wandlung 'vom Saulus zum Paulus' sollten Sie nicht ins andere Extrem verfallen, zu denken, alles in der Medizin müsste naturwissenschaftlich beweisbar sein. Sie machen sich dadurch angreifbar, gerade bei den Esoterikern und Gegnern einer wissenschaftlichen Medizin. Das gleiche gilt leider, wenn Sie Wikipedia zitieren. Das werden dann auch ernsthafte (Natur-)Wissenschaftler nicht als valide Quelle akzeptieren können.

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    1. Lieber Herr Bodegger, ich nehme mir Ihre Kritikpunkte zu Herzen und werde darüber nachdenken, möchte aber dennoch etwas erwidern:
      Mir ging es im Buch nicht darum, die Medizin als Naturwissenschaft zu definieren, sondern zu klar zu stellen, dass die Homöopathie, wenn sie so funktionieren würde, wie die Homöopathen das sagen (weil Hahnemann sich das so vorgestellt hat in seiner vor-wissenschaftlichen Denke, von der die Medizin damals geprägt war), heute nicht mehr zur Medizin gehören könne, da sie bestätigten und sicheren Gesetzmäßigkeiten der Wissenschaft widerspräche. Es geht also auch nicht darum, dass alles beweisbar sein müsste, aber es sollte doch entweder nachvollziehbar in seiner Theorie oder reproduzierbar in seinem Phänomen sein. Und es sollte dem bereits gesicherten Wissen nicht widersprechen.
      Die Theorie der Homöopathie, dass Stoffe in Abwesenheit wirken sollen und dass Schütteln eine Energie/Information erzeugt, sind heute nicht mehr haltbar. Darum ging es mir.

      Wikipedia zitiere ich im Buch um Sachverhalte für Patienten (die Hauptzielgruppe) leicht auffindbar zu machen. Mein Buch hat nicht den hohen Anspruch ein rein wissenschaftliches Buch zu sein. Ich habe es als Denkschrift bezeichnet.

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  4. Eine schöne Antwort. Ich denke nicht, dass hierauf noch irgendetwas folgen wird. Die Rezension hatte von Anfang an nur das Ziel der Revierverteidigung. Man darf nicht vergessen, dass dort immer noch eine Menge Geld im Spiel ist. Und eine Einsicht á la "Stimmt, ihr hattet recht und wir haben uns getäuscht" wird dort einfach nicht kommen. Wenn ein Verein wie der DZVhÄ es nötig hat wieder und wieder Studien als Belege zu zitieren, die längst widerlegt wurden und deren Fehlerhaftigkeit offen für jeden erkennbar ist bzw. Studien mit z.T. fehlenden Informationen hergenommen werden sagt das sehr viel aus über die Vereinigung. Was soll man also von einer Vereinigung halten, die sich weigert, belegte Erkenntnisse zu akzeptieren?
    Genau darin liegt eine Schwäche der Homöopathie. Sie ist nicht bereit, sich den Erkenntnissen, auch den negativen (die ja theoretisch gar nicht auftreten können) zu stellen und ihre Aussagen entsprechend anzupassen. Statt dessen beharrt man auf der Richtigkeit und wählt selektiv positive Informationen aus.

    Es ist wie bei allen Glaubensangelegenheiten. Man kann den Wunsch, an die Korrektheit der Sache zu glauben nicht abschaffen. Aber man kann ihn bearbeiten, damit er sich vielleicht irgendwann selber hinterfragt.

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    1. ...zumal das selber Hinterfragen ja auf fruchtbaren Boden fallen kann, wie bei mir... :-) Und dann ändert sich doch etwas.

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