Montag, 17. August 2015

Placebo = Einbildung?

Als eine von vielen Reaktionen auf das FOCUS Homöopathie Titelthema schrieb ein Leser: "Die (homöopathischen) Mittel (...) helfen. Das bilden wir uns sicherlich nicht ein. Hunderttausende Ärzte und Heilpraktiker setzen Homöopathie weltweit zum Nutzen ihrer Patienten ein. Sollten etwa all ihre Patienten auf den Placebo-Effekt hereinfallen? Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen (...)". (1) Ist denn der Placebo-Effekt gleichzusetzen mit Einbildung? Auf keinen Fall!
Was ein Placebo-Effekt ist, habe ich hier erklärt. Möglicherweise ist dabei nicht deutlich genug, wie groß ein solcher Effekt sein kann, wie häufig er auftritt - und wie unbewusst er abläuft.
  1. So groß kann Placebo sein: "Patienten mit koronarer Herzkrankheit kann es nach einer Operation zur Erweiterung der verengten Herzkranzgefäße besser gehen, obwohl der Eingriff gar nicht erfolgreich war und die Engpässe in den Herzkranzgefäßen weiter bestehen. Bei anderen Operationen treten ähnliche Phänomene auf. Chronische Knieschmerzen bessern sich zum Beispiel oft nach einer Scheinoperation. Und ständig wiederkehrende Bauchbeschwerden aufgrund von Verwachsungen können sich zurückbilden, wenn der Chirurg die Bauchdecke nur kurz öffnet, ohne die Verwachsungen zu lösen." (2) Je deutlicher der Arzt dem Patienten gegenüber formuliert, was er an Verbesserung erwartet und je größer die Sicherheit ist, mit der er das vermittelt, umso größer der Placebo-Effekt. (3) Dabei bilden wir uns eine Verbesserung nicht etwa nur ein. Es laufen in der Tat neurobiologische Prozesse ab, wie etwa eine veränderte Schmerzwahrnehmung. Es passiert also etwas, obwohl kein Wirkstoff gegeben wurde und zwar umso mehr, je öfter wir vorher die Erfahrung mit einem Medikament oder einer Methode gemacht haben: "Das hilft mir" (Konditionierung) (3). 
  2. So häufig tritt der Placebo-Effekt auf: "Ich lasse mich nicht so dämlich beeinflussen!", schrieb mir ein Patient. Placebo, so meint man gerne, das tritt doch nur bei anderen auf. Die Gesundheitsforschung sagt jedoch, dass 20-90% aller Patienten auf ein wirkstoffreies Medikament ansprechen. Im klinischen Alltag würden sie geschätzt jedem Zweiten (!) helfen. Wir alle lassen uns also sicherlich dann und wann durch Scheinmedikamente oder Scheinmethoden beeinflussen - allerdings meist ohne es zu merken. 
  3. Placebos also nur für Suggestible? "Völlig falsch! Placebos können bei allen Menschen wirken, gerade auch bei denen, die sich für absolut nicht "anfällig" halten. Es ist also das herrschende Vorurteil zu bekämpfen, Placebos seien "Medikamente für Dumme". Begriffe wie "Suggestion" oder "psychosomatisch" werden immer missverstanden: "Psychosomatisch? Nicht bei mir! Ich bin doch nicht verrückt!" (4) Der Placebo-Effekt läuft zwar oft unbewusst ab und hat doch eine physiologische Wirkung. "Man hat gezeigt, dass der schmerzlindernde Effekt von Placebos über körpereigene, morphiumähnliche Substanzen, so genannte endogene Opiate, vermittelt wird. Bei der Parkinson-Krankheit wird unter einer Placebo-Therapie vermehrt der Botenstoff Dopamin im Gehirn ausgeschüttet, von dem die Patienten zu wenig haben. Und eine Placebo-Therapie zur Unterdrückung der Körperabwehr scheint das Immunsystem zu beeinflussen." (2) Dieser Teil scheint also klar zu sein, allerdings scheint es uns alle zu verunsichern, dass wir so beeinflussbar sind - weit über unsere kognitive Wahrnehmung hinaus. Auch unbewusst wahrgenommene Signale, lassen eine Placebo-Reaktion auftreten. Wir müsse an den Placebo-Effekt also noch nicht einmal glauben, damit er auftritt. Ein Kind, das wir auf den Arm nehmen und dem wir den Schmerz "wegpusten" wird irgendwann auch nicht mehr daran glauben, dass man Schmerz wirklich wegpusten kann, dennoch hilft ihm die Aktion. 
Insofern fallen wir alle nicht etwa herein auf einen Placebo-Effekt, wir bilden ihn uns nicht nur ein. Vielmehr machen wir die Erfahrung, dass etwas, an das wir (und der Therapeut) glauben, uns auch tatsächlich hilft. Nachweisbar hilft. Und selbst wenn wir nicht bewusst daran glauben, sondern die Erfahrung gemacht zu haben meinen "das hilft mir", dann hilft es auch. Und sogar wenn wir nicht glauben und nicht konditioniert wurden, kann ein Placebo-Effekt unbewusst auftreten. Treffen kann es also jeden, immer, bei jeder Therapie oder Medikation. Die Homöopathie ist davon nicht ausgenommen.

"Die These, Außenseitermedizin (z.B. die Homöopathie) sei nichts als Placebo-Therapie, ist eigentlich eher ein Lob als ein Vorwurf. Denn der Mensch heilt sich in einem hohem Maß selber, Hauptsache, er wird auf irgendeine Weise behandelt und glaubt daran." (4) Daran, dass dies alles ist, was die Homöopathie zu bieten hat, ändern auch "hunderttausende Überzeugte" nichts. Und, um unterscheiden zu können, ob eine Wirkung nun nur aufgrund des Placebo-Phänomens oder einer anderen Ursache aufgetreten ist, helfen keine Einzelfallbeschreibungen ("mir/meiner Tochter/meinem Hund hat es aber geholfen") sondern nur das mühevolle und aufwendige Abgleichen einer Therapie unter kontrollierten Bedingungen, wie sie unter doppelt verblindeten randomisierten Placebo-kontrollierten klinischen Studien (kurz: RCT) geschaffen wurden. Hier hat sich die Homöopathie nicht als ein (über ein Placebo hinaus!) wirksames Verfahren erwiesen. Selbst wenn trotzdem immer noch einige behaupten, sich das "nicht vorstellen zu können"...

Kommentare:

  1. Schönen guten Tag!
    Ich stimme Ihnen in fast allem zu, doch eine Frage habe ich, was ist mit Kleinkindern und Babys, die homöopathisch behandelt werden, diese haben doch nicht die Vorstellung wie Erwachsene, das ein Placeboeffekt eintreten könnte? Babys wissen doch nicht einmal, dass Sie gerade Medizin einnehmen, aber trotzdem wird eine Besserung festgestellt, warum funktioniert es auch so?

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    1. Sehen Sie, gerade Babys und Kleinkinder (und auch Haustiere) verfügen über extrem sensible Antennen, sonst wäre es ihnen ja gar nicht möglich, in eine so intensive Beziehung (und Abhängigkeit) zu treten. Man spricht vom Placebo-by-proxy. Sozusagen ein Placebo-Effekt, der dadurch ausgelöst wird, dass die Bezugsperson sich beruhigt, anders verhält, sich entspannt, weniger angespannt ist. Das wirkt sich dann auch auf das Baby aus. Und dazu kommt, dass gerade bei Babys und Kleinkinder rasche Veränderungen des Krankheitszustandes auftreten, die wir, wenn wir Globuli gegeben haben, darauf zurück führen - es wäre aber auch so zu einer Veränderung der Symptomatik gekommen.

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