Montag, 21. September 2015

Homöopathie ist eigentlich ganz einfach - oder etwa nicht?

In meinem letzten Blog-Beitrag habe ich beschrieben, wo die Homöopathen zu einfach denken. Hier geht es nun um das gegenteilige Phänomen: Wo die Homöopathen zu kompliziert denken.

Dass Wasser keine Informationen speichern kann, dass Energie nicht beliebig "erschüttelbar" und übertragbar ist, dass homöopathische Verdünnungen spätestens jenseits der D6 (1:1.000.000 = 1 Million) keine physiologische Wirkung haben können, das ist eigentlich ganz einfach zu begreifen. Dafür braucht es noch nicht einmal eine große (natur)wissenschaftliche Vorbildung. Ich hatte überraschenderweise im Rahmen von Fotoaufnahmen oder Interviews zu verschiedenen Medienbeiträgen Kontakt mit Menschen, die von der Homöopathie noch nie so richtig etwas gehört hatten (ja, die gibt´s!). Als ich diesen erklärt habe, worum es bei der Homöopathie geht und wie das funktionieren soll, war von irritiertem Kopfschütteln bis lautem Lachen alles dabei. Nur Zustimmung oder Verständnis nicht. Ist man nicht im Kreis der Homöopathie-Denke gefangen, ist es offenbar recht einfach: Das, was Hahnemann sich vor 200 Jahren ausgedacht hat, erschließt sich uns heute mit normalem Menschenverstand nicht mehr. Wissenschaftlich schon gar nicht, aber darum soll es heute nicht gehen. Die Theorie der Homöopathie ist einfach Quatsch, das kann jeder sehen.

Was aber machen die Homöopathen?
Sie "retten" sich über diese Erkenntnis hinweg mit den Worten: "Nur weil ich nicht weiß, wie es funktioniert, lasse ich es mit der Homöopathie nicht sein, denn 1. sehe ich ja, dass es funktioniert und 2. kann es ja in Zukunft noch bewiesen werden, wie es funktioniert". Auch ganz öffentlich exponierte Homöopath(inn)en ziehen sich auf diesen Standpunkt zurück. Ich habe das auch lange Zeit so gesehen und gesagt. Man fühlt sich damit sogar seriös, gibt man doch ehrlich zu, es noch nicht zu wissen. Aber auch ein Hauch von "Geheimwissen" umwabert eine solche Aussage. Dazu kommt, dass es eine Unzahl an Ausreden gibt, um die einfachen Tatsachen nicht zu akzeptieren. Als ich für das Buch "Die Homöopathie-Lüge" interviewt wurde, damals noch als Vollblut-Homöopathin, habe ich so etwas von mir gegeben wie: Die Homöopathie erkläre sich über Quanten und Verschränkung, letztlich sei doch alles irgendwie Energie, was aber noch nicht genügend erforscht sei...
Ich gebe zu, auch schon Vorträge darüber gehalten zu haben, wie kompliziert das mit der Homöopathie und ihrer Wirkung sei. Hüstel. Ich kam mir damals sehr "wissend" vor und auch ein wenig "mehr wissend", als z.B. die Journalistin des genannten Buchs oder andere Kritiker. Wobei Wissen eher Überzeugung heißen müsste. Und die wiederum mehr gefühlte Überzeugung ist. Die Wissens-Lücke wird geschlossen durch "Buzz-Words": Quanten, Energie, Information, etc. Klingt nach ganz viel und ist doch nur heiße Luft. Klingt nach ganz kompliziert und verschleiert doch nur die einfache Tatsache, dass nichts dahinter steckt. Fragt man nämlich die Leute, die wirklich wissen, was solche Worte bedeuten (z.B. Physiker), dann ist die Bedeutung 1. eine genau definierte, 2. meist recht einfach zu verstehen und 3. etwas ganz anderes, als Homöopathen daraus machen.
Wenn nun aber ein Kritiker kommt und das Verwenden der leeren Worthülsen der Homöopathen anprangert und man sich als Homöopath angegriffen fühlt, dann kommt das ultimative Argument: Als Nichthomöopath kann man das gar nicht begreifen! Als Nichthomöopath kann man nicht verstehen, was die Homöopathie ist und dass sie wirkt, weil man es nicht selbst erlebt hat! Als Nichthomöopath darf man also nicht über die Homöopathie urteilen!

Nun, ich war lange Zeit Homöopathin. Und ich habe viel erlebt - an mir selbst, meinen Kindern, meinen Patienten. Ich habe all die Fehler gemacht, die Homöopathen in ihrem Denken machen - die komplizierten und die einfachen. Ich war sicherlich Insiderin. Die Recherche zu meinem Buch hat mich dennoch erkennen lassen: Das "komplizierte" Denken der Homöopathen ist nur dazu da, davon abzulenken, dass alles ganz einfach ist: Homöopathie kann keine Arzneitherapie sein und sie kann nicht plausibel über ein Placebo hinaus wirksam sein.




Kommentare:

  1. Danke für diesen Artikel! Das Ende zeigt gut auf, wie es stets verläuft.
    Wissen Homöopathen nicht, wieviel ein kritisches Gegenüber über Homöopathie Bescheid weiß, kommt dieser Vorwurf wie ein Reflex.
    Nichthomöopathen, ausgestattet mit unverfälschtem Basiswissen über die Homöopathie und einem Mindestmaß an Logik können die meisten Homöopathen erschreckend einfach bloßstellen.

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    1. Meine jüngste Erfahrung ist sogar, dass Nicht-Homöpathen oft wesentlich besser über die Homöopathie Bescheid wissen, als Homöopathen ;-)

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  2. Der Placebo-Effekt ist mir persönlich zu allgemein formuliert. Abhängig von der Intention des Heilers (Selbsttäuscher oder Geschäftemacher? Nur diese beiden Strukturtypen tummeln sich in der CAM) unterscheide ich den benignen vom malignen Effekt:

    http://www.dr-bertelsen.de/documents/perfusion-3-2014-for10.pdf

    http://scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2014/04/17/placebo-arbeit-immer-dieselbe-effekthascherei/

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