Sonntag, 13. September 2015

(Wie) kann man Placebo-Effekt und spezifische Wirkung in der Homöopathie auseinander halten?

Kurze Antwort: gar nicht.
Lange Antwort:
Immer wieder schreiben mir nun Homöopathen, dass sie persönlich die spezifische Wirkung eines homöopathischen Medikaments und eine reine Placebo-Wirkung sicher auseinanderhalten könnten. Und zwar nicht nur bei der Verordnung von Globuli an ihre Patienten, sondern auch bei einer homöopathischen Arzneimittelprüfung. Die jeweils auftretenden Symptome seien so spezifisch, so bezeichnend, so ungewöhnlich, dass sie nur durch die spezifische Wirkung des Medikaments verursacht worden sein könnten.
Warum ist diese Aussage aber so überhaupt nicht möglich, bzw. sogar sicher falsch?

Wir alle neigen zwar dazu, intuitiv Zusammenhänge herzustellen, z.B. zwischen A (Medikamentengabe) und B (Veränderung eines Symptoms/Zustands). Unzählige andere Faktoren können jedoch 1. bei der Wahrnehmung eines Zusammenhangs täuschen oder 2. zu einer Veränderung geführt haben. Deshalb kann ein einzelner nie (!) unterscheiden, was wirklich passiert ist. Es unterlaufen uns zu viele Denkfehler und dies, ohne dass wir es bewusst bemerken.
Ein häufiger Denkfehler ist z.B. das sogenannte "post hoc ergo propter hoc" (etwa: Danach geschehen, daher deswegen geschehen). Zwei aufeinanderfolgende zufällige Ereignisse werden einfach irrtümlich miteinander in Verbindung gebracht: "Gestern habe ich mich gegen Grippe impfen lassen, heute habe ich Gliederschmerzen und Schnupfen, das kommt davon". Obwohl das eine mit dem anderen nichts zu tun haben muss, wird willkürlich eine Verknüpfung zwischen beiden Ereignissen hergestellt. Natürlich werden vor allem Zusammenhänge bei irgendwie "logisch" erscheinenden Dingen gesehen: Grippe-Impfung -> Schnupfen und Gliederschmerzen. Einen starken Juckreiz am Kopf oder einen verstauchten Fuß würden wir eher nicht in Zusammenhang bringen (wobei auch das sicher irgendwie herbeigedacht werden könnte). Bei der Homöopathie wird entsprechend oft der Zusammenhang hergestellt zwischen der Globuli-Gabe und einer anschließenden Veränderung. Diese ist zwar davon unabhängig aufgetreten oder auch durch eine unspezifischen Placebo-Reaktion ausgelöst worden. Ein solcher Fehlschluss lässt sich rückwirkend jedoch kaum noch auflösen.  

Auch der sogenannte Bestätigungsfehler ist in der Homöopathie sehr häufig: Wir alle haben die Neigung, Informationen auszuwählen, zu suchen und zu interpretieren, so dass diese die eigene (auch unbewusste) Erwartung erfüllen. Erwarte ich als Homöopath (und als Patient), dass bestimmte Symptome sich verbessern oder auftreten, so werden sie das eher tun, als wenn ich es nicht erwarte. Erwarte ich also, dass Prüfungssymptome oder sogenannte "alte" oder typische Symptome auftreten, so werde ich sie auch feststellen. Da viele Mittel viele Symptome abdecken ("Polychreste") ist es sehr wahrscheinlich, dass ich dann auch ein passendes Symptom erleben werde. Selbst bei kleinen Mitteln, kann eine Bestätigungsfehler auftreten. Als ich mir als "Folge" der Verordnung des homöopathischen Medikaments "Weißkopfseeadler" die Haare abschnitt und sie weißblond färbte, galt dies zu meinen Homöopathen-Zeiten als DIE Bestätigung für die krasse und spezifische Wirkung des Medikaments. Das klingt nun vielleicht lustig, es ist aber sehr ernst, was durch diese häufigen Denkfehler (1, 2) an schlimmen Dingen passiert: Bei der Homöopathie sind Denkfehler sozusagen zur Methode geworden. 

Warum ist das so, warum machen wir diese Denkfehler? Es hört sich vielleicht etwas gemein an, aber wir sind schlichtweg überfordert, komplexe Dinge zu begreifen. Und wir bemerken das nicht gerne bewusst. Der einfachste Weg, sich vor einem komplexe Problem zu drücken, ist also: komplexe Probleme werden gar nicht als komplexe Probleme benannt. Stattdessen glauben und behaupten wir, es sei alles ganz einfach, und wir könnten mit linearen Problemlösungsversuchen dynamische, intransparente und vernetzte komplexe Systeme angehen (3). So gehen wir also auch bei der Homöopathie vor: Wir haben doch die Globuli gegeben, also MUSS die Veränderung eine Folge des Medikaments sein. Punkt. Wir brauchen dann auch wirklich nicht mehr über menschliche und wissenschaftliche Denkfehler, Placebo-Effekte, grundsätzliche Schwächen der Theorie der Homöopathie, usw. nachzudenken. 

An dieser Stelle kommt dann innerhalb der normalen Medizin zum Glück aber die Wissenschaft und ihre Art, komplexen Problemen/Systemen zu begegnen, ins Spiel. Sie versucht möglichst umfassend und sich möglicher Fallstricke bewusst seiend an die Sache heranzugehen. Wo kann ich mich getäuscht haben? Wo kann ein Denkfehler vorgelegen haben? Wie kann ich ausschließen, dass es nur Zufall war? Wie kann ich sicher sein, dass es an A lag, dass B geschehen ist? Was könnte sonst verantwortlich gewesen sein? Die wichtigste Frage ist vielleicht: Wo kann ich einen Fehler im Denken über mein Problem gemacht haben? Dabei zählt dann nicht nur, welchen Fehler ich gemacht haben könnte, sondern auch, welchen Fehler mir andere nachweisen/aufzeigen können.

"(Es) gibt eindeutige Hinweise, die einen Fehler in der Wissenschaft als solchen unmissverständlich kennzeichnen: (...) Nachweise fehlerhafter Arbeit durch andere Forscher oder Nichtreproduzierbarkeit über sehr lange Zeit. Hinzu kommen Umstände, die auf Fehler hinweisen: unvollständige Dokumentation, mangelnde Neutralität oder Objektivität in der Berichterstattung, Zirkelschlüsse in der Argumentation, Verstoß gegen die innere und äußere Widerspruchsfreiheit in der Theorie, fehlende Prüfbarkeit oder fehlender Testerfolg. Wiederholbarkeit, Kontrollversuche, zufällig ausgewählte Stichproben und statistische Überprüfungen sind hier die wichtigsten Maßnahmen, um Fehler aufzufangen. Einige Disziplinen haben zusätzlich fachspezifische Methoden. Bekannt sind etwa Doppelblindversuche und Placebos in Psychologie, (...) und Medizin." (1)

Für die Homöopathie treffen fast alle dieser Fehler zu. Einer der größten ist sicherlich, zu meinen, man könne als Homöopath die spezifische Wirkung sicher erkennen. Nein, das kann keiner. Kein Homöopath und auch sonst kein Mensch. Nicht von ungefähr wurde in der Medizin deshalb das hochkomplexe Trara der klinischen Studien etabliert. Nur durch solche objektive Verfahren kann zumindest versucht werden, Irrtümer zu vermeiden und mit einer gewissen Sicherheit (100% gibt es hier nicht und kann es auch nicht geben) sagen zu können: A und B stehen im Zusammenhang und eine spezifische Wirkung ist vorhanden. Ohne solche komplexen Studien kann ein Placebo-Effekt nicht von einer spezifischen Wirkung unterschieden werden. Und die Studien, die bereits gelaufen sind, zeigen, dass die Homöopathie nicht mehr als einen Placebo-Effekt zu bieten hat. Eine spezifische Wirksamkeit darüber hinaus konnte nicht unabhängig, unmissverständlich, objektiv, neutral und reproduzierbar gezeigt werden. Also nicht wissenschaftlich gezeigt werden. Und wir brauchen an dieser Stelle die Wissenschaft, da wir als einzelne Homöopathen uns irren und gängigen Denkfehlern aufsitzen. 



Zum Weiterlesen über Denkfehler:
(1) Frey und Frey: Fallstricke. Die häufigsten Denkfehler in Alltag und Wissenschaft. C H Beck Verlag 

Kommentare:

  1. Ein alter Beitrag zum Thema: https://wahrsagercheck.wordpress.com/2009/11/18/die-homoopathen-kneifen-bis-jetzt/
    Man sollte die Homöopathen zu solchen Selbsttests einladen ...

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    1. Ein spannender Artikel, danke!
      Zu meinen Homöopathen-Zeiten hätte ich drauf sicher auch so etwas gesagt wie: Euch müssen wir gar nichts beweisen oder uns von Euch testen lassen, WIR wissen ja, dass die Globuli wirken, WIR zweifeln ja nicht dran, WIR brauchen also auch keine Tests oder Bestätigung... :-((

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  2. My critique:

    1. Now, http://www.systematicreviewsjournal.com/content/3/1/142

    `There was a small, statistically significant, treatment effect of individualised homeopathic treatment that was robust to sensitivity analysis based on ‘reliable evidence’.´

    Reliable evidence shown specific effect over the placebo effect.

    2. In your book, only counts the Shang meta study, this study is wrong in the subanalysis secction and only evaluate the isopathy or complex homeopathy.

    3. Low molar doses excludes in the 100% the placebo effect. Mother tincture and other D1, D2, D3 and other american potencies apply.

    4. The qualitative differences in the placebo and control is possible: http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs40031-013-0035-2

    Who does explain this discrepances with the 100% placebo hypothesis?

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  3. 1. Mathie et all's meta-analyses is actually more suitable to show that homeopathy doesn't work. See: http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=2299

    2. Shang et all has it's flaws. But that doesn't make homeopathy effective. If you don't like Shang use Mathie. See 1.

    3. Yes low doses can have effects. Those effects can be perfectly explained without homeopathy and homeopathy claims that the effects grow with lower doses. Do you agree that this is nonsense?

    4. This one is behind a paywall so i can't say much about it. I found a website where it has been referenced: http://edzardernst.com/2015/09/the-techniques-of-pseudoscience/

    "The third paper I was able to access: for its first two pages. These review the history of the science purported to surround water memory in such an uncritical manner it seems unlikely the rest of the article is likely to raise the standard. I cannot discover the impact factor of this journal."

    Doesn't look very promising.

    I think this explains this discrepances with the 100% placebo hypothesis.

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    1. Reply:

      1. The analysis of Norbert Aust is funny. I´ve read all comments of Aust in Ernst E blog and reading his articles in FACT Journal.

      "und dabei augenscheinlich wissenschaftlich zweifelhafte Methoden angewandt"

      Really? Evidence of this in "paper" of Aust? Nothing.
      Aust don´t understand meta analysis and the methodology used in Mathie meta analysis. Aust admits the lack understand of profesional stasticis used in meta study (see comments in Ernst blog). Aust misunderstand the Harald Walach paper and the WHO context.

      More on Shang paper. Aust does not write this:

      ` for the eight trials of homoeopathic remedies in acute infections of the upper respiratory tract that were included in our sample, the pooled effect indicated a substantial beneficial effect (odds ratio 0·36 [95% CI 0·26–0·50]) and there was neither convincing evidence of funnel-plot asymmetry nor evidence that the effect differed between the trial classified as of higher reported quality and the remaining trials´

      More funny, Austs does nor debunk the Hahn review. Another jewel:

      "Es gibt eben doch keine zuverlässige Studie"

      Wait, based only on limited review? Why Aust precludes the eight high quality studies in Shang? Why Aust is enginneer and not statician or epidemilogist? Sorry.

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    2. Really man? In the Ernst blog the comment is really funny. Copy and paste:

      `The second paper also hides behind a pay wall and also has an impact factor less than 1. But if extreme, homeopathic dilutions sulphur can be found, then — sorry, but the dilution hasn’t been done properly!´

      WTF? the dilution hasn´t been done properly? This is the most stupid excuse i can hear in the year. Well, see the full text:

      `The different potencies of sulphur were prepared by using the typi- cal technique of homoeopathy introduced by Dr. Hehnemann as described in Homoeopathic Pharmacopia of India. This method follows the centesimal scale which is based on the principle that the first potency should contain the one hundredth part of the original drug; and the next succeeding potency should contain the one hundredth part of the potency preceding it´
      Extract from: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0167732215303585

      The procedure is standard. You need laugh of Ernst.

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    3. Dear zetetic1, as you seem to have discussed these topics already with Dr. Aust and Prof. Ernst, why do you want to discuss ist again here? I followed their argumentations because they were convincing. The arguments homeopaths stress were not. And I really would have wanted to get to another point, you can believe me

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    4. @zetetic1

      your latest postings are pretty confusing. English is not my first language. Is it yours? Maybe it's a language problem.

      1. I strongly agree with Aust on Mathie et al. The meta study is just bad. I agree with Frau Grams that it doesn't make sense to hitchhike this blog for a discussion. Did you discuss the meta study with Aust? If so - do you have a link?

      2. "2" seems to start here: "More on Shang paper". We already agree that Shang has it's flaws. What are you trying to say? In the following chapters you're bringing up Aust, Hahn and other stuff and i don't really get the point what you are about to say. Especially in the context of your arguments.

      3. "3" is missing at all. Did you forget it? Actually i don't think so. My interpretation: As it seems you know the discussion about homeopathy pretty well. You already knew that your 3rd argument is no prove for homeopathy. You're just trying to "get something" through.

      4. "4" seems to start here: "Really man?". Now i'm lost completely. Your initial argument was about the "3rd paper". I said, that i can't say anything about it because it's behind a paywall an cited a reference for it that is not very promising. I don't understand what this has to do with your critic on a critic of another paper.

      To sum up your initial arguments:

      1. Mathie's meta study is bad.
      2. Shang is bad - but that doesnt make homeopathy work.
      3. Not a prove for homeopathy - and you know it.
      4. Is behind a paywall. The most exiciting bit of work in the history of mankind - behind a paywall. Very strange. Can you show me replications of this experiment?

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  4. Es gibt eine Doppelblinde hom. Arzneimittelprüfung. Der Autor ist ein Freund der Homöopathie. Er fand keinen Unterschied zwischen Placebo und Verum.



    Wissenschaftliche homöopathische Arzneimittelprüfung: doppelblinde Crossover-
    Studie einer homöopathischen Hochpotenz gegen Placebo oder Wirken homöopathische Mittel am Gesunden wie Placebos?

    Harald Walach
    1992

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