Sonntag, 10. Januar 2016

Von wegen sanft und natürlich

Gerne werden die Attribute sanft, natürlich und nebenwirkungsfrei im Zusammenhang mit der Homöopathie bemüht. Man sieht Blümchen-Bilder auf jeder Werbung und glückliche Kinder. Rückblickend muss ich sagen, dass etwas ganz anderes stimmt.
Ich erinnere mich daran, wie ich meine Tochter durch einige Mittelohrentzündungen gequält habe. Ohne Medikamente, nur mit Homöopathie. Denn Nurofen z.B. ist ja böses Gift, ihr Körper muss das alleine schaffen. Antibiotika schaden ihr nur. Schmerzen behandle ich homöopathisch. Ups, Trommelfelldurchbruch - da hat der Körper sich selber geholfen, jetzt ist ja alles raus. Angst vor bleibenden Gehörschäden - aber nein, ich behandle ja homöopathisch.
Habe ich mein Kind sanft behandelt? Habe ich ihr mit dem natürlichen Verlauf wirklich etwas Gutes getan? Was hätten einige Gaben Paracetamol, Ibuprofen oder ein Antibiotikum geschadet? Stattdessen Globuli gegeben, abgewartet, Verschlimmerung als Erstreaktion interpretiert, jede Minute an ihrem Bett verbracht, auf Symptome und kleinste Veränderungen geachtet, neu repertorisiert, mit ihrem Homöopath telefoniert, neue Globuli gegeben. Und obwohl das Fieber hoch war und sie offensichtlich Schmerzen hatte, keine normalen Medikamente. Was bringt Mütter dazu, das ihren Kindern und sich selbst anzutun? Das frage ich mich heute auch bei Müttern, die nicht impfen und dann ,stolz' sind, dass ihre Kinder drei Wochen schwer krank zu Hause (oder besser: in der Klinik) mit Masern liegen.
Irgendwie kann ich es mir nur dadurch erklären, dass ich mich ,stark' gefühlt habe. Eine Art Kampf wider die "Natur" oder nein, wider das "Böse", denn die Natur ist ja gut. Ich schäme mich heute dafür. Ich schäme mich, was ich meinem Kind angetan habe. Zum Glück war sie nicht oft krank! Und letztlich ist bei ihr alles gut ausgegangen.
Wo kommt das her, dieses Gefühl, man dürfe keine Hilfe annehmen, man müsse es die Kinder alleine durchstehen lassen (es macht sie ja stärker und fördert gesunde Entwicklungssprünge)? Hat man Babys früher nicht auch schreien lassen, weil es angeblich die Lungen stärkt? Und kann sich dies jetzt kaum noch jemand vorstellen, so gemein und unmenschlich finden wir heute diese Behandlung. Aber bei der Homöopathie, da meinen wir, dass es richtig ist, Kinder leiden zu lassen. Wir meinen es, weil wir leider ganz ernsthaft denken, dass die Homöopathie helfen kann. Wir meinen, dass wir unsere Kinder nicht alleine lassen, denn wir geben ja etwas Homöopathisches. Wir unterstützen unser Kind und seine Selbstheilungskräfte. Aber wir liegen falsch.

Die Homöopathie mag ja nicht schlimm sein, wenn der Körper einen kleinen Infekt hat, den er mit etwas Ruhe und Zeit überwindet. Sie hilft zwar nicht wirklich - aber sie schadet hier auch nicht. Wir machen aber einen Fehler, wenn wir uns in ernsteren Situationen auf das Nichts verlassen. Ja, es gibt Placebo-Effekte und ja, die Hoffnung hilft heilen. Aber in ernsten Krankheitsfällen reicht das nicht aus. Da dürfen wir nicht auf Heilungen durch die Homöopathie vertrauen, die es nicht gibt. Wir handeln fahrlässig, wenn wir es tun.
Heute ärgere ich mich heute über jede Krankheit, die ich aus Unwissenheit (oder Besserwisserei) meine Kinder habe "sanft" aushalten lassen. Ich weiß, dass Kinder von Homöopathen zu Tode gekommen sind, weil letztere so von der Homöopathie überzeugt waren, dass sie keine andere Hilfe zuließen. So weit habe ich es zum Glück nicht kommen lassen, wobei ein ähnliches Erlebnis vielleicht mit zu meinem Aufwachen beigetragen hat. So weit dürfen wir es auch nicht kommen lassen. Das ist einer der Gründe, warum Kritiker die Homöopathie für gefährlich halten: ihre Nebenwirkung ist unterlassene Hilfeleistung. Sie ist nicht sanft und natürlich. Sie lässt Kinder leiden und im allerschlimmsten Fall sterben. Natürlich ist das natürlich - aber es ist ein Verbrechen. Ja, werden nun Homöopathen sagen, wer die Homöopathie eben nicht kapiert hat, dem passiert so etwas. Wer sie beherrscht, der kann helfen und heilen. Nein, kann er nicht. Denn es liegt nicht am Homöopathen, sondern an der Homöopathie, die es nicht kann. Ich habe Fälle von Kollegen erlebt, die ganz ähnlich dramatisch waren. Ganz ähnlich fahrlässig. Nur wollen wir das nicht sehen.

Im Namen unserer Kinder sollten wir aufhören an Unfug zu glauben, sie wirklich unterstützen und mal ein Medikament geben, wo wir sie sonst unnötig leiden lassen. Sie werden trotzdem krank sein. Wir können immer noch an ihrem Bett sitzen, sie in den Armen halten, wir werden weiter durchwachte Nächte haben und - oh Wunder - Entwicklungsüberraschungen. Aber wir lassen unsere Kinder nicht länger dafür bezahlen, dass wir uns weigern die Vorteile unserer modernen Medizin anzunehmen, wo sie sinnvoll und gut angebracht sind. Wir dürfen nicht vergessen, dass Kinder vor wenigen Jahrzehnten noch gestorben sind, weil wir ihnen nicht helfen konnten bei vielen Erkrankungen. Dass heute noch Kinder leiden oder gar sterben müssen, weil wir ihnen nicht helfen, obwohl wir es können, ist unverzeihlich.

Es ärgert mich deshalb heute, wenn ich Blümchenbilder sehe und wenn ich in Diskussionen Mütter (und Väter) höre, die stolz sind, wie sie ihre Kinder leiden lassen mit homöopathischem Nichtsgeben.  Weil sie es, wie ich früher, nicht besser wissen. Ich wünschte, ich hätte früher erkannt, was die Homöopathie nicht ist und nicht kann. Sanft, natürlich und nebenwirkungsfrei - von wegen!




Zum Weiterlesen:
http://derstandard.at/1319180949860/Italien-Dreijaehrige-starb-nach-Therapie-nur-mit-Homoeopathika

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/australische-studie-alternativmedizin-kann-kindern-schaden-a-736325.html

Homöopathie bei Gehirnblutung von Neugeborenen? http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=1910

Hilfts nicht, so schadets nicht? https://andreawalterblog.wordpress.com/2016/01/10/hilfts-nicht-so-schadets-nicht-aber-ist-das-wirklich-so/

Kommentare:

  1. Nicht ärgern, sondern freuen, dass der Irrtum erkannt und "neu gedacht" wurde. Das kann man wahrlich nicht von jedem behaupten. Aber verstehen kann ich diese Gedanken!

    AntwortenLöschen
  2. Ein ganz wichtiger Artikel, denn bei Kindern hört der Spaß auf und sie sollten eigentlich bei jeglicher Kritik immer Hauptthema sein, um noch dem Letzten zu vermitteln, dass genau sie die Leidtragenden sind und dass das niemandem egal sein darf.

    "Wo kommt das her, dieses Gefühl, man dürfe keine Hilfe annehmen, man müsse es die Kinder alleine durchstehen lassen (macht sie ja stärker und gibt Entwicklungssprünge)"

    Zurückzuführen ist das Ganze auf Rudolf Steiner und seine Anthroposophie. Die Anthros sind ja auch die Urväter der Impfgegnerschaft und immer gut als Vorbilder für sämtlichen alternativen Unsinn.

    Hier noch einige ältere Todesfälle von Kindern:

    https://ratgebernewsblog2.wordpress.com/2013/12/13/todesfalle-und-schaden-bei-kindern-durch-alternativmedizin/

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich fürchte, blöde Ideen gibts nicht nur bei Steiner ;-)

      Löschen
  3. Gerade eine Ohrenentzündung ist unglaublich schmerzhaft, ich erinnere mich auch fast 40 Jahre später noch immer daran, wie sehr ich leiden musste, weil meine Eltern diese bei mir nicht behandelt haben und ich nehme es ihnen immer noch übel. Diese angeblichen Entwicklungssprünge, die Kinder machen, die so gequält werden, sind nichts anderes, als die Tatsache, dass sie schweres Leiden durchleben und dieses Leiden sie ernster macht - ob das nun so toll für so ein Kind ist? Harmlos ist das alles jedenfalls nicht und auch wenn die Kinder die Vernachlässigung, die ihnen durch derlei "Behandlungen" widerfährt mit viel Glück körperlich unbeschadet überstehen, bin ich mir nicht sicher, dass ihre Psyche das ebenso weg steckt. Ich hoffe sehr, dass Sie mit Ihrer jetzt statt findenden Aufklärungsarbeit mehr Menschen erreichen und vielleicht doch einige Mütter ihren Kindern so ein Leiden ersparen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das Schlimme ist, dass mir damals (wie anderen auch) nicht bewusst war, dass ich _nicht_ helfe. Im Gegenteil, ich war davon überzeugt, ich würde ihr mit Homöopathie helfen und mit "Schulmedizin" schaden. Dieses Denken ist leider sehr weit verbreitet. Insofern hoffe ich tatsächlich, durch meine Geschichte andere Eltern zum Nachdenken und vor allem zum anders Handeln anregen zu können

      Löschen
    2. Ich bin mir sicher, dass Sie mit Ihrer mutigen Art offen auszusprechen welche Fehler Sie gemacht haben und wie Sie heute dazu stehen einige Menschen zum Nachdenken anregen. Ich finde es sehr gut und wichtig, dass Sie so aufklären. Leider ist es ja nicht ganz leicht an die wirklich Gläubigen heran zu kommen. Wie Sie selbst sagen: Diese sind ja fest in dem Glauben verankert und sehen einfach überhaupt nicht mehr, welches Leid sie verursachen. Sie sehen das Leiden ihrer Kinder ja auch gar nicht als das an, was es ist. Sie reden sich ja sogar ein, dass es was ganz Tolles ist wenn die Kinder leiden. Hier muss noch sehr viel mehr aufgeklärt werden - es muss diesen Eltern klar gemacht werden, dass Schmerzen und Leiden keine Entwicklungssprünge auslösen, sondern das Kind einfach nur gequält ist. Schreiben Sie weiter und lassen Sie sich nicht von diesem Weg abbringen.

      Löschen
  4. Danke für den wichtigen und offenen Beitrag. Gerade des Phämomen des "Warum" beschäftigt mich intensiv. Aus der Sicht eines Rationalisten ist es nämlich schwer bis unmöglich, sich hier in die Person von Eltern zu versetzen, die so handeln wie beschrieben. Die Selbstüberzeugung scheint ja wirklich ganz ungewöhnlich stark zu sein. Vielleicht stärker -das ist das Phänomen- als bei der Inanspruchnahme der "Schulmedizin", wo ja gern ein weiterer Arzt oder zumindest eine "zweite Meinung" eingeholt wird, wenns nicht so läuft wie man sich das vorstellt.
    Ein nur psychologisch begründbares Phänomen, das strikte Festhalten an den Globuli angesichts offensichtlichen Kinderleids. Letztlich aber ein Beleg dafür, dass es sich in der Tat um einen "blinden Fleck" in der Erkenntnisfähigkeit ansonsten oft hochintelligenter Leute handelt, der einer spezifischen Erklärung bedarf. In der Religionskritik wird dieses Phänomen der "partiellen Erkenntnisblindheit" auf massive Indoktrination im Kindesalter zurückgeführt. Es muss hier wohl etwas Ähnliches sein.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. An dem Warum habe ich auch am meisten zu knabbern. Ich denke, das wird dann der nächste Blog-Beitrag werden

      Löschen
  5. Hhihihi. Gut begründet (ironisch gemeint)! Tja jedem das seine

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hihihi die Begründung Ihres Kommentars haut mich auch echt weg

      Löschen
  6. Hut ab! Es ist nicht einfach, derart offen und ehrlich und dazu noch öffentlich zu seinen Irrwegen zu stehen. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, daß Aufklärung manchmal etwas bringt und man nicht nur zu den bereits Bekehrten predigt. Hab selbst viele Jahre in meiner esoterischen Filterblase verbracht und schäme mich für so vieles, bereue eine Menge Entscheidungen und Wege. Um so mehr bin ich dankbar für jeden, der im persönlichen Gespräch gegenhielt und mich nicht aufgab. Und für jede wissenschaftlich-rationale Aufklärung im Netz. Mag mir gar nicht vorstellen, wo ich heute stände ohne Psiram, gwup und all die anderen fleißigen Skeptiker und Wissenschaftler. (Auch wenn ich derartiges erst nur las, um nach Fehlern und Schwächen in der rationalen Denke zu suchen und die Überlegenheit meiner Weltsicht zu beweisen.) Danke! <3

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, das kenne ich. Ich wollte ja ursprünglich auch ein Buch über die Homöopathie schreiben, das die Kritiker überzeugt. Dann bin ich überzeugt worden

      Löschen
    2. Wie ist es denn bei Ihnen zum Umdenken, oder sollte ich besser von "Abwenden vom wahren Glauben" sprechen, gekommen? Gab es einen bestimmten Punkt, an dem Sie festgestellt haben, dass Sie all die Zeit einem Irrglauben aufgesessen sind oder war es ein langsamer Prozess? Respekt, dass Sie die Kraft gefunden haben, Ihre eigene Überzeugung so weit zu hinterfragen und schlussendlich zu überdenken - ich weiß nicht, ob ich in der Lage wäre, so einen Kampf gegen mich selbst zu führen!
      Und danke für Ihre Offenheit, dies mit uns zu teilen.

      Löschen
    3. Das war ein langer Prozess von über einem Jahr. Ein Aha-Erlebnis war aber die Erkenntnis, dass es einen Unterschied zwischen schnellem und langsamem Denken (Kahnemann) gibt. Und dass nicht alles, was wir irgendwie intuitiv als stimmig erfassen, wahr oder korrekt ist. Leider scheint es anderen Homöopathen da aber anders zu gehen...

      Löschen
  7. Zur Mittelohrentzündung fällt mir ein: ich hatte eine doppelseitige - noch während des Krieges, als es kein Penicillin gab, und ich operiert werden musste - um Himmels Willen, was wäre passiert, wenn meine Eltern an Hahnemann geglaubt hätten??? - Und was die Anthroposophie angeht: wer die Waldorfschul-Szene genauer betrachtet, wundert sich nicht, dass es vereinsmäßig organisierte Waldorfgeschädigte (!) gibt!
    Es scheint eben einen gesellschaftlichen Bedarf an einer gehörigen Portion Aberglauben zu geben. Dazu hatte Cervantes das Bild von den Windmühlenflügeln...

    AntwortenLöschen