Donnerstag, 7. Januar 2016

Was überzeugt an der Homöopathie?

Für Kritiker oft völlig unverständlich - wider alle Argumente, Fakten und Studienergebnisse sind viele Menschen von der Wirkung der Homöopathie fest überzeugt. Worauf beruht diese Überzeugung? Ich erinnere mich an einen kleinen Film, den Dr. Sankaran in einem Seminar zeigte.
In kurzen Sequenzen sah man darin Patienten in einem schlimmen Krankenzustand (z.B. rotes, schuppiges  Hautekzem, eitrige Wunde, sichtlich ausgemergelter Patient, weinendes Kind mit hochroten Wangen). In rascher Folge wurde dann ein Bild des gleichen Patienten gezeigt - gesund, munter, geheilt und mit schöner Haut. Für einige Minuten sah man also diese rasche Gegenüberstellung. Dann wurde ein kleiner Text eingeblendet, den ich nicht mehr im Wortlaut erinnere, aber so in etwa: Das ist es, was wir mit Homöopathie tun. Wir heilen Menschen.
Einen kleinen Einblick bietet auch seine Homepage hier. Mit diesem Filmchen warb Dr. Sankaran um Sponsoren für die Einrichtung seiner homöopathischen Klinik mit großem Ausbildungszentrum (in das ich dann auch gehen wollte. Räusper).

Diese Geschichte zeigt vielleicht, wie Homöopathen zur Überzeugung kommen: durch eindrückliche Bilder, Erfahrungen und "Anekdoten". Der Film hat dies nur noch mehr komprimiert als üblich.
Kritiker stimmen dann an: Die Mehrzahl von Anekdoten ist nicht Daten! Aber kaum ein Homöopathie-Anhänger weiß, was damit gemeint sein soll. Die eigene Geschichte, oder ein solcher Film zeigt es doch deutlich: Homöopathie hilft. Was braucht es da sterile Daten? Und warum überhaupt Anekdoten? Das sind doch Beweise!
Dass diese "Beweise" in die Irre führen, da noch nicht einmal geklärt ist, ob wirklich ein Zusammenhang zwischen den beiden Momentaufnahmen hergestellt werden kann, der mit der Homöopathie als spezifischer Arzneitherapie zu tun hat (spricht: tatsächlich das Mittel hat die Veränderung bewirkt und sonst nichts), wird nicht bedacht. Es gilt fast als Frevel, dies zu tun. Was eh schon klar ist, braucht doch nicht so "fies" hinterfragt zu werden.

Schade ist, dass ich als Homöopathin ähnlich dachte. Mir war nicht klar, dass Studien eigentlich nichts anderes sind als viele Einzelerfahrungen, die zusammen betrachtet werden. Kurz gesagt: Geht es dabei mehr Patienten hinterher besser als vorher, und geht es mehr Patienten in der Arzneimittel-Gruppe besser als in der Placebo-Vergleichs-Gruppe, dann kann man davon ausgehen, dass ein wirklicher ("signifikanter") Zusammenhang besteht. Vor allem dann, wenn sich dies in mehreren Studien immer wieder zeigt. Doch Homöopathen haben ein schizophrenes Verhältnis zu Studien. Einerseits wissen die allermeisten gar nicht, was Sinn und zweck derselben ist, wie sie durchgeführt und aus- bzw. bewerten werden (ich habe hierzu schon einen Beitrag geschrieben: Studien interessieren mich nicht ich weiß doch, dass die Homöopathie funktioniert). Andererseits werden einige, vermeintlich positive Studien immer wieder herbeigezerrt und dies sogar, wenn längst klar ist, dass sie eigentlich gegen die Homöopathie sprechen. Da überzeugt dann eher, dass es Studien gibt und nicht, was sie genau aussagen.

Studien, das ist wie Juristensprache - schwer zu verstehen. Als Laie vielleicht sogar gar nicht zu verstehen. Da machen solche Filme und die eigenen Erfahrungen irgendwie viel mehr Eindruck. Die Empfehlung der Freundin oder des Apothekers überzeugt mehr als die Stimme eines Kritikers. Und damit wären wir wieder bei den zwei Arten des menschlichen Denkens: Intuitiv lässt sich die Wirkung der Homöopathie in Minuten und durch eindrückliche Bilder und Erfahrungen "beweisen". An dieser gemachten Erfahrung ist nicht zu rütteln, sie überzeugt total.
Eine so totale Überzeugung lässt sich nur aufweichen durch das mühevolle und langwierige rationale Denken. Man muss sich daran machen, aufzudröseln, welche Fehler und Trugschlüsse passiert sind. Aber das möchte irgendwie kein Homöopath.
Und damit wären wir auch wieder bei dem Thema, dass es sonst in der Medizin üblich ist, eine Wirkung zu belegen. Bei der Homöopathie reicht es bislang, wenn Homöopathen sich einig sind, dass sie gesehen haben, dass sie wirkt ("Binnenkonsens"). Während das "schnelle Denken" zutiefst menschlich ist und wohl auch nicht veränderbar, ist mir heute nicht mehr klar, wieso unser Gesundheitssystem es zulässt, dass das intuitive, magische Denken so viele Menschen verwirrt - und eigentlich dadurch schlecht behandelt.



Zum Weiterlesen:
Homöopathie ist magischer Kinderglaube http://www.brandeins.de/archiv/2016/befreiung/homoeopathie-norbert-schmacke-im-interview-magischer-kinderglaube/

So schadet die Alternativmedizin Patienten:
https://correctiv.org/recherchen/stories/2015/12/18/alternativmedizin-krebs-leben-der-patienten-gefaehrdet/

Kommentare:

  1. "Mir war nicht klar, dass Studien eigentlich nichts anders sind als viele Einzelerfahrungen, die zusammen betrachtet werden."
    Das habe ich gefühlt hunderte Mal den - meist in Statistik wenig bewanderten - Homöopathiefans zu erklären versucht. Beispiele habe und hatte ich genug, aber man wollte mir ja nicht zuhören weil ja dieses Statistikding irgendwie "Bäh" ist. In der Folge gab es das übliche Statistikbashing (glaube nur der Statistik ...), aber niemals auch nur den Versuch eines Versuchs das mit der Statistik zu verstehen. Dabei weiß ich als Mathematiker wirklich sehr gut, wie man Statistik missbrauchen kann und kann das auch erklären.

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    1. Naja, ich weiß ja jetzt, warum den Versuch keiner wagt - koscht viel. Zum Beispiel die homöopathische Praxis ;-)

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  2. Manchmal glaube ich, das sich das System die Homöopathie, aber durchaus auch noch die Akupunktur und weiteres ganz gern als harmlose Alternativen leistet. Denn es wird immer Menschen geben, die einem leuchtend dargestellten Einzelfall mehr Glauben schenken als einer Statistik.
    Es gibt schließlich auch noch ernsthaft gefährliche alternative Lehren, die man schon gar nicht mehr medizinisch nennen sollte. Und auch die haben - so erschreckend das ist - ihre Anhänger.
    Dann halt lieber ein paar Globuli.

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    1. Ja, das wird wohl auch zum teil Kalkulation sein (grade auch von den Krankenkassen). Aber dennoch: dass dadurch Humbug quasi geadelt wird, finde ich heute schlimm. Eben weil Patienten durch das offizielle Anerkennen der Homöopathie glauben gemacht werden, sie wirke wirklich (es sei halt nur noch nicht klar warum und wie).

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  3. Sehr guter Artikel. Ich kann nicht verstehen, warum Eltern aus einer Ideologie heraus ihre Kinder bei Krankheiten leiden lassen. Ich z.B. leide sehr wenn mein Sohn Schmerzen hat und würde nie auf die Idee kommen mein Kind bis 41 C fiebern zu lassen und Glaubuli zu geben. Als mein Sohn starke Zahnungsschmerzen hatte gab es dann auch ein Paracetamol Zäpfchen. Er hat 5 Zähne gleichzeitig bekommen. Ist es denn auch so, dass diese Mütter ihre Zahn- oder Kopfschmerzen oder Fieber auch mit Kügelchen behandeln und sich vom Zahnarzt keine Spritze geben lassen? Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass es zum "guten Ton" unter Müttern gehört sein Kind homöopathisch zu behandeln und man als Rabenmutter gilt, wenn man bei kleinen Blessuren lieber pustet als Arnika Kügelchen gibt. Was mich am meisten aufregt ist, dass die homöopathievertreibenden Firmen ihre Placebos quasi als Naturheilkunde vertreiben und nicht als Esoterik (was es ja auch ist). Mir passiert es immer wieder, dass ich nach einem pflanzlichen Mittel suche (z.B. gegen Husten) und dann auf ein Homöopathikum stosse. Auf den Webseiten steht dann "rein pflanzlich", "natürlich" oder "aus der Natur" und erst beim ganz genauen Hinsehen sieht man dann, dass es eine homöopathische Alkohollösung ist. Das ist Irreführung des Verbrauchers.

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    1. Liebe Frau Veit, entschuldigen Sie, Ihr Kommentar ist mir irgendwie durchgerutscht. Ich stimme Ihnen allerdings voll zu :-)
      Leider ist gerade die Verwechslung von pflanzlich und homöopathisch unter Laien aber sogar unter manchen Apothekern und Ärzten ein Übe, das der Homöopathie zu ungerechtfertigten Ehren gereicht wird! Hoffen wir, dass sich dies durch weitere Aufklärung bessert!

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